Testbericht: Wario Land: The Shake Dimension

Marios Counterpart Wario ist schon ein ganz besonderes Kerlchen: Nicht nur, dass ein Mitglied unserer Redaktion eine seltsame Affinität zu dem ungehobelten Klotz hegt (Namen werden an dieser Stelle nicht genannt, gell, JT?), nein, es kommt noch heftiger. Denn der dicke Kerl in der violetten Latzhose hat vielleicht keinerlei Manieren, popelt gerne in der Nase, hat seine Körperausdünstungen nicht unter Kontrolle und ist von Gold und Schätzen fasziniert, aber trotzdem (oder gerade deswegen?) hat er eines: Charme. Genau das erkannte auch Nintendo als man ihn damals auf dem Gameboy in sein erstes eigenes Abenteuer in „Wario Land“ schickte. Es folgte ein zweites Game mit Wario als Helden, ein drittes Spiel und so weiter und so fort. Und nun sind wir im Jahre 2008 auf Nintendos Wii angelangt, wo sich Wario in die „Shake Dimension“ begibt. Was ihn auf seiner Reise dort erwartet und wie er sich schlägt, haben wir für euch herausgefunden…

Willkommen im Reich des Rüttelns!

Einst lebte an einem uralten Ort, dem Reiche des Rüttelns, ein Volk elfenhafter Kreaturen, die sich selbst Mürfel nannten. ihre friedliche Existenz wurde eines Tages von einem adeligen Piraten, bekannt als König Rüttelbert, gestört. Er entführte Königin Midori und stahl mit dem Unerschöpflichen Münzbeutel den größten Schatz des Reiches. Alle Mürfel wurden von ihm gefangen genommen… Oder etwa doch nicht? Denn einem tapferen Mürfel, dessen Name durch einen bemerkenswerten Zufall ebenfalls Mürfel lautet, gelingt die Flucht aus dem eisernen Griff von König Rüttelbert. Daraufhin wendet er sich mit der Bitte um Beistand an Kapitän Kandis, die wiederum Wario als Helfer anheuert…

An genau dieser – übrigens wortwörtlich aus der Anleitung entliehen – Stelle der Story steigt ihr als Spieler nun in das Geschehen ein. Man muss zugeben, dass die Story nicht sonderlich originell ist und natürlich gewisse Parallelen zu Marios Abenteuer aufweist. Doch wo es dem Klempnergesellen alleine schon aus Gründen der Ehre gebietet die entführte Maid zu retten, muss Wario mit der Aussicht auf unendliche Schätze in sein nächstes Abenteuer gelockt werden. Doch das ist für ihn Motivation genug und das sollte es auch für euch sein, sich zusammen mit Wario in insgesamt sechs verschiedene Welten zu stürzen, um dort in jeder Stage den gefangen Mürfel zu befreien. Dieser wartet jeweils am Ende einer Stage in einem Käfig auf seine Rettung. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Zuerst einmal muss man an Bord des Piratenschiffes eine erste Mission hinter sich bringen, die dem Spieler die Steuerung näher bringt und mit den ersten Eigenheiten von Wario Land: The Shake Dimension vertraut macht. Sobald man nämlich den gefangen Mürfel entdeckt und befreit hat, wird der Alarm ausgelöst und ihr müsst innerhalb einer vorgegebenen Zeit zurück zum Portal eilen, aus dem ihr in das Level entstiegen seid. Nur wenn ihr binnen des Zeitlimits dort ankommt, könnt ihr aus der Stage entkommen und alle gesammelten Schätze mitnehmen.

Auf dem Weg dorthin gilt es über Hindernisse und Schluchten zu springen, geheime Wege zu erkunden und sich mit den Gegnern in den Stages auseinander zu setzen. Wario ist allerdings ein zäher Bursche und nimmt nicht sofort Schaden, wenn er mit den ersten Opponenten zusammenstößt. Nur wenn diese mit Stacheln besetzt sind, eine Gabel auf dem Rücken oder einen Bohrer anstatt einer Nase haben, leidet eure Kraftleiste, die durch anfänglich vier Herzen symbolisiert wird. Andere Gegner können ohne Kraftverlust angerempelt oder ganz Mario-like mit einem Sprung auf den Kopf kurzzeitig betäubt werden. In diesem Zustand lassen sie sich übrigens auch packen und schütteln, was nicht nur lustige Geräusche nach sich zieht, sondern mitunter auch Knoblauchzehen ans Tageslicht befördern kann, die wiederum eure Energieleiste auf Vordermann bringen. Geschüttelt werden sollten auch gefundene Münzsäcke, die daraufhin je nach Größe mehr oder weniger viele Münzen versprühen, die es schnell zu sammeln gilt. Neben den Talern sind in jeder Stage noch Schatztruhen versteckt, die für Wario ganz besondere Schätze bereit halten. Die Auswahl reicht hierbei von einem Eimer mit goldenem Henkel über eine Ganzkörper-Schwimmbrille und Flüssiges Gelächter bis hin zum leeren Sparschwein – die Kreativität der Entwickler kannte in dieser Hinsicht offenbar kaum Grenzen. Eure Übersicht über die bereits erbeuteten Schätze wird also alsbald ein Sammelsurium der Abstrusitäten werden.

Drei Schätze wurden in jeder Stage versteckt und um sie alle zu entdecken, müssen die meisten Levels wohl mehrmals besucht werden. Das ist auch deswegen notwendig, weil zu den Schätzen jeweils noch bestimmte Missionen kommen, die ebenfalls erfüllt werden wollen. Zu den Standardaufgaben gehören dabei das Verlassen der Stage innerhalb einer bestimmten Zeit sowie das Finden einer vorgegebenen Anzahl an Münzen. Andere Missionen beinhalten das Absolvieren der Stage ohne Schaden zu nehmen oder ohne ins Wasser zu fallen, wollen bestimmte Gegner geplättet sehen oder verlangen Aufgaben wie einen Dreifachsprung über drei Gegner oder das Erledigen von drei Gegnern mit einem Ball. Sind alle angesetzten Missionen erfüllt, wird die Levelmusik in der Jukebox von Warios Garage freigeschaltet. Das Leveldesign ist dabei zwar augenscheinlich recht linear gehalten, um jedoch alle versteckten Münzen und Geheimnisse zu finden, muss man sich schon genau umschauen. Immer wieder kommen Sonderfähigkeiten des dicken Rüpels zum Einsatz die das Anrempeln, die Tempo-, bzw. die Stampfattacke oder die mächtige Donnerwumme. Flammen- und Frostblöcke erfordern Warios hitziges, bzw. unterkühltes Temperament, Bombenblöcke sorgen für eine explosive Stimmung und Möglichkeitsschalter können Wege zu ganz neuen Levelabschnitten freigeben. Von seinem Spiegelbild Mario hat sich Wario übrigens das Benutzen von Röhren abgekupfert, während das Werfen von benommenen Gegnern mitsamt Zielfunktion wie bei Yoshi’s Island erscheint. Hilfsmittel wie der Schnellsprintflitzer, der euch im Affenzahn durch die Levels rasen lässt, Wackelsäulen und die Bomb-O-Keten bringen ebenfalls Actions ins Spiel. Gepaart mit Gefährten wie dem Einradkessel sowie den unter Wasser zum Einsatz kommenden Wu-Booten ist also für jede Menge Abwechslung gesorgt, so dass dem Spieler kaum schnell langweilig werden wird.

Am Ende einer jeden Welt wartet natürlich ein fieser Obermotz auf euch, der ebenfalls besiegt werden will. Die Bosse in Wario Land: The Shake Dimension sind dabei allesamt sehr originell ausgefallen und erfordern natürlich jeweils eine ganz spezielle Taktik, die der geldgeile Fettwanst für seinen Sieg verfolgen muss. Die nächste Welt wird nach dem Triumph über den Endboss übrigens nicht automatisch freigeschaltet, wie es in eigentlich jedem anderen Game des Genres der Fall ist. Nein, ihr müsst eure gesammelten Münzen in der Piratenbudike gegen eine neue Landkarte eintauschen, die euch dann den Zugang zur nächsten Welt gewährt. Dies lockert das lineare Vorgehen der klassischen Plattformer etwas auf, da ihr mit genügend Kohle in der Hinterhand nach der ersten Welt auch gleich in Welt drei oder vier weiterspielen könnt. Käuflich zu erwerben sind in der Piratenbudike übrigens auch neue Herzcontainer sowie ein Energietrunk, der Warios Energie sofort wieder auffüllt und sein Ableben verhindert.

Der Schwierigkeitsgrad in Wario Land: The Shake Dimension ist insgesamt nicht sonderlich hoch angesiedelt. Wer sich nicht sonderlich ungeschickt anstellt, hat das Game binnen fünf bis sechs Stunden durchgespielt und den finalen Obermotz König Rüttelbert besiegt. Dies ist allerdings nur dann möglich, wenn man flott durch die Stages rennt und den Blick nicht nach den versteckten Schätzen umher schweifen lässt. Doch genau darin liegt die Motivation des Spiels. Das Durchzocken an sich ist keine große Kunst – alle versteckten Schätze zu finden und die in jeder Stage gestellten Aufgaben dagegen zu meistern erfordert weitaus größeres Können. Durch dieses Backtracking – oftmals sind geheime Münzen nur auf dem Fluchtweg aus der Stage auffindbar und man hat auch teils nur einen Versuch die Schätze zu ergattern, sonst muss man noch einmal von vorne beginnen – wird die Spieldauer gehörig in die Länge gezogen. Erfahrene Zocker heißen dies willkommen und lassen sich auch von den mitunter recht kniffligen Aufgaben nicht abschrecken, sondern begrüßen die an sie gestellten Herausforderungen – zumal es auch noch eine Hand voll Bonuslevels zu entdecken gibt. Dennoch hätten trotz des gelungenen Leveldesigns eine oder zwei weitere Welten dem Titel nicht geschadet, zumal er bei uns zum Vollpreis veröffentlicht wird. Dies ist jedoch einer der wenigen Kritikpunkte, den sich Wario Land: The Shake Dimension gefallen lassen muss. Abgesehen davon bietet das Game jedenfalls erstklassige Jump’n’Run-Kost in zwei Dimensionen, wie man sie schon lange nicht mehr erleben durfte.

Shake it, Baby!

Denn in Sachen Gameplay hat man sich bei Nintendo auf das Wesentliche konzentriert. Wario steuert sich so klassisch wie einst Mario in seinem letzten Halb-2D-Ableger Super Paper Mario: Die Wii-Remote wird quer gehalten, der 2-Knopf dient zum Springen und das Digikreuz zum Steuern. Das Anrempeln der Gegner wird mit dem 1-Knopf ausgeführt. Dass Wario Land: The Shake Dimension ein Wii-Game ist, merkt man in Punkto Steuerung nur im Bezug auf die Sonderaktionen. Möchte man Münzsäcke oder benommene Gegner schütteln, muss natürlich auch die Wiimote kurz geschüttelt werden. Ihr wollt die „Donnerwumme“ ausführen und dadurch den Screen zum Beben bringen? Wiimote schütteln! Wario hängt an einer Stange und ihr wollte euch in Pirouetten nach oben schleudern? Was macht ihr? Richtig – die Wii-Remote schütteln! Da ihr meist nur dann schüttelt, wenn ihr sowieso keine anderen Bewegungen auszuführen habt, macht sich das Schütteln bei der Steuerung eigentlich nicht negativ bemerkbar, sondern lockert das Gameplay etwas auf. Beim Werfen von Gegnern, dem Feuern aus den Bomb-O-Keten sowie dem Fahren auf dem Einradkessel wird die Wii-Fernbedienung geneigt, was ebenfalls gelungen ist und für Abwechslung sorgt. Lediglich die Steuerung der Wu-Boote ist suboptimal, da hier zwar mit dem Digitalkreuz nach oben und unten gelenkt wird, die Neigung des Bootes allerdings wieder über die Bewegungserkennung der Wiimote gelöst wurde. Hier bedarf es gewisser Eingewöhnungszeit und selbst danach hat man das Gefühl, als wäre eine komplett traditionelle Steuerungsvariante über das D-Pad wesentlich komfortabler gewesen. Abgesehen davon steuert sich Wario in seinem neuen Wii-Abenteuer allerdings tadellos und pixelgenau durch die Level, was vor allem Retro-Fans freuen dürfte.

Retro ist in!

Diese sollten von Wario Land: The Shake Dimension ohnehin angetan sein. Nintendo huldigt mit dem Game nämlich den aktuellen Retro-Trend und bringt nach Capcoms WiiWare-Geballer Mega Man 9 den ersten Retailtitel, der komplett in 2D-Optik daher kommt. Handgezeichnete Bitmapgrafiken soweit das Auge reicht sind angesagt, so dass Polygonhasser hier voll auf ihre Kosten kommen. Man mag dem Game eine altbackene Optik vorwerfen, würde dem Spiel damit aber Unrecht tun. Wario Land: The Shake Dimension verzichtet bewusst auf Polygone, um mit seiner in sich stimmigen 2D-Darstellung zu punkten. Schmankerl wie Paralax-Scrolling im Hintergrund werten die Stages auf, die allesamt wunderschön gezeichnet wurden. Das Highlight sind allerdings ohnehin Warios Animationen, die witzig und charmant zugleich sind. In Kombination mit den Anime-orientierten Zwischensequenzen wirkt das gesamte Spiel optisch wie aus einem Guss und wirkt einfach überzeugend. Trotz teils vieler Sprites auf dem Screen ruckelt nichts, alles läuft flüssig ab und wurde hervorragend animiert. An dieser tollen Präsentation kratzt nur der missratene 16:9-Modus, der mit unschönen großen Balken aufwartet und ein eigentlich in 4:3 dargestelltes Bild lediglich aufbläht. Hier hätte man sich etwas mehr Mühe geben können, um das ansonsten wirklich tadellos wirkende Game optisch aufzuwerten.

Ebenfalls sehen, bzw. in diesem Fall wohl eher hören lassen kann sich der Sound. Die Sprachausgabe beschränkt sich zwar auf wenige Äußerungen wie Warios kratziges „Rock’n’Roll!“ oder ein schlichtes „Let’s go!“ am Anfang einer Stage, doch wirkt dies jeweils charmant und motivierend zugleich. Witzig sind auch die Laute von Warios Gegnern, sobald er diese kräftig durchschüttelt. In Kombination mit den stimmigen Effekten ergibt sich eine tolle Mischung, die gelungen zur Atmosphäre des Games beiträgt. Etwas untypisch sind die Hintergrundmelodien gehalten, die wenig dudelnd, dafür teils leicht cineastisch, teils leicht jazzig angehaucht ertönen. Jedoch passen auch sie wunderbar zum Spielgeschehen, hätten nur mitunter noch etwas eingängiger sein dürfen. Von der Klasse eines Super Mario Galaxy sind die Kompositionen in Wario Land: The Shake Dimension jedenfalls Galaxien, bzw. Dimensionen entfernt, um mal bei den jeweiligen Spieletiteln zu bleiben.

Fazit

Wario Land: The Shake Dimension atmet den Geist der klassischen 2D-Plattformer, die ihre Blütezeit seinerzeit auf dem SNES hatten. Dennoch wirkt der Titel durch größtenteils geschickten Einsatz der Wii-Remote und grandioser Animationen sowie gezielt gesetzter Effekte zu keiner Zeit antiquiert, sondern spielt sich frisch und unverbraucht – das Gameplay stimmt einfach hinten und vorne. Die versteckten Schätze sowie die an den Spieler gestellten Sondermissionen in jeder Stage sorgen für zusätzliche Motivation und strecken die an sich etwas knapp geratene Spielzeit in die Länge. Wer sich mit klassischen Jump’n’Runs anfreunden kann, auf hübsch gezeichnete Sprites steht oder Wario schlicht und ergreifend vergöttert, muss hier einfach zugreifen. Alle anderen sollten sich den Titel zumindest einmal genauer betrachten.

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Packshot Wario Land: The Shake Dimension

Wario Land: The Shake Dimension

Release: 29.09.2008
Publisher:
Entwickler:
Anzahl Spieler: 1
USK: 6