Testbericht: Deadly Creatures

Langsam kriechen acht behaarte Beinen über den heißen Wüstensand. Ein pelziger Spinnenkörper bewegt sich am Gerippe eines toten Rinds vorbei. Mit einem Mal setzt das Krabbeltier zum Sprung an, landet punktgenau auf einer nichts ahnenden Heuschrecke, umklammert diese mit ihren Beinen und stößt mit ihren Kiefern zu. Eine grausame Szene aus dem Tierreich, wie ihr sie ab sofort nachspielen könnt. Denn THQ bringt mit „Deadly Creatures“ die Welt der Insekten auf Nintendos Wii. Wir sind in die Chitinpanzer der Krabbeltiere geschlüpft und haben unsere Redaktion zur Heimat für Insekten & Co gemacht. Das Ergebnis lest ihr am besten selbst.

Jagen oder gejagt werden

Shakespeare stellte einst die essentielle „Sein oder nicht sein?“-Frage. Im Falle von THQ aktuellem Coretitel Deadly Creatures heißt es dagegen „jagen oder gejagt werden“, was mit einem „fressen oder gefressen werden“ gleich zu setzen ist. Denn erstmals schlüpft ihr nicht in die Haut eines mutigen Weltretters, kuscheligen Stofftiers oder eines anderen putzigen Zeitgenossen, sondern spielt die Kreaturen, die bei einem Großteil der Weltbevölkerung Ekel und Abscheu auslösen: Insekten. Genauer gesagt sind es eine Tarantel und ein Skorpion, deren Kontrolle ihr übernehmt. Wer dabei der Meinung ist, dass man nur schwer eine Story aus dem Hut zaubern kann, hat sich getäuscht. Die Rainbow Studios haben sich einiges einfallen lassen, um euch bei Laune zu halten. Dabei stehen allerdings nicht die sechs- bzw. achtbeinigen Krabbeltiere im Vordergrund, sondern zwei Halunken Namens Wade und Struggs. Diese interessieren sich in erster Linie nicht für das Schicksal eines verstorbenen Tankstellenbesitzers, sondern vielmehr für einen versteckten Goldschatz aus dem Bürgerkrieg.

Was es mit der Geschichte dabei auf sich hat, erfahrt ihr allerdings nur am Rande – und genau das macht in Deadly Creatures bereits einen immens interessanten Aspekt des Ganzen aus. In den insgesamt zehn Kapiteln steuert ihr abwechselnd eure Tarantel und euren Skorpion, deren Wege sich ab und an kreuzen. Während sie eigentlich nur ums nackte Überleben kämpfen, treffen sie am Rande auch immer wieder auf die Menschen, egal ob es nun in der Form deren Hinterlassenschaften in der Wüste wie ein altes Handy ist oder ob es die beiden Gauner sind, die ebenfalls in dieser unwirtlichen Landschaft unterwegs sind. Die Erzählweise ist dabei genial gelöst, denn immer wieder hört ihr mit einem Mal deren Stimmen – die im englischen Original übrigens von Billy Bob Thornton und Dennis Hopper gesprochen wurden – aus dem Hintergrund, bemerkt den Sand unter ihren Schritten von der Decke rieseln und dergleichen mehr. Die finale Konfrontation ist zwar bereits absehbar, trotzdem bleibt die Entwicklung der Geschichte interessant.

Das Hauptaugenmerk liegt allerdings klar auf dem eigentlichen Gameplay als Insekt. Anfangs beschränkt sich euer Repertoire an Aktionen dabei auf einige wenige Moves. Im weiteren Verlauf des Spiels schaltet ihr jedoch nach und nach immer weitere Angriffe und Aktionen frei. Kann der Skorpion anfangs nur blocken und normale Attacken ausführen, schwingt er bald schon seinen gefährlichen Stachel um sich und setzt zum tödlichen Giftangriff an. Den Gegner vernichtende Finisher wurden dabei dank Gestensteuerung authentisch umgesetzt. Besonders gelungen ist auch die Aktion, bei der man die Wiimote einfach umdreht, um sich im losen Sand einzugraben. Dort lauert der Skorpion auf den nächsten Widersacher. Ist dieser in Reichweite, hebt man die Wiimote nach oben und schnellt zum Angriff aus seinem Versteck. Mit der Tarantel dagegen können neben einer Vielzahl an Attacken später auch gezielte Angriffssprünge aus der Distanz vollführt werden oder ein Netz wickelt die Kontrahenten ein und macht sie somit bewegungsunfähig. Per Pointerfunktion werden anderen Spinnennetze anvisiert, zu denen man sich hangeln darf. Die generelle Sprungfähigkeit der Tarantel erfordert damit ein leicht geändertes Gameplay als wenn man im Panzer des Skorpions steckt. Dieser dagegen darf mit seinen beiden Scheren versteckte Gänge frei schaufeln und andere Wege durch die Stages, die sich zum Teil bei beiden Charakteren gleichen, entdecken.

Sofern man keine absolute Abneigung gegen Krabbeltiere hat und dem Spiel eine Chance gibt, sind vor allem die ersten Momente in Deadly Creatures absolut beeindruckend. Heinz Sielmann hätte an einigen Szenen aus dem Spiel sicherlich seine Freude gehabt. Das Game überzeugt mit einer dichten Atmosphäre und dem vollkommen anderen Blickwinkel auf eigentlich tägliche Dinge. Ein toter Rinderschädel, ein kaputtes Handy, eine alte, ausgesessene Couch – das Erkunden aus Sicht der Insekten, wenige Zentimeter über dem Boden, macht einfach verdammt viel Spaß. Doch auch wenn man an Wänden entlang krabbeln darf, ist die Bewegungsfreiheit durch natürliche Hindernisse immer wieder einschränkt und der Weg zum nächsten Kapitel quasi direkt vorgegeben. Deadly Creatures lässt dabei sehr wenig Freiraum für Erkundungen und verläuft insgesamt zu linear. Dass sich ab einem gewissen Zeitpunkt die zu bekämpfenden Tiere wiederholen, schmälert ebenfalls den an sich sehr guten ersten Eindruck. Highlights sind klar die Aufeinandertreffen mit größeren Lebewesen wie einer Klapperschlange, einem Leguan oder einer Ratte. Die Kämpfe erfordern dabei ein gewisses taktisches Geschick und wurden spannend inszeniert. Die kleineren Kontrahenten vermöbelt man dagegen meist recht problemlos, wobei auch hier immer mit Gegenwehr zu rechnen ist. Heuschrecken und Maden dagegen dienen lediglich der Erweiterung eurer Kraftleiste sowie als Nahrung und zum Freischalten versteckter Artworks und können problemlos verspeist werden.

Die Steuerung an sich ist gelungen und fühlt sich für beide Protagonisten authentisch an. Man legte nicht zu viel Wert auf den Einsatz der Wii-Remote-Gesten, so dass vor allem die Kämpfe in Deadly Creatures nicht in ein bloßes Schütteln des Controllers ausarten. Bei einigen Moves wurde die Bewegungssteuerung dagegen sinnvoll und passend integriert. Dennoch hat es manchmal den Anschein, als könnte die Steuerung noch etwas schneller ansprechen, vor allem wenn man sich gerade in einem hitzigen Gefecht befindet. Die teils etwas störrische Kamera und kleinere Bugs (wobei hier definitiv die Programmierfehler gemeint sind) trüben zudem den Spielspaß. So kann es vorkommen, dass ihr von Ästen und Ranken abstürzt oder durch den Boden fallt und sterbt, ohne etwas dafür zu können. Die Rücksetzpunkte sind zwar in passablen Abständen gesetzt, allerdings dauert der Ladevorgang bis zum Neustart relativ lange. Etwas nervig sind auch unvorhergesehen einsetzende Ladepausen mitten im Level, die zum Glück jedoch nur wenige Sekunden andauern. Größter Kritikpunkt ist allerdings die insgesamt relativ kurze Spielzeit. Erfahrene Spieler haben nach sechs bis acht Stunden alle Kapitel beendet. Nur wer alle Konzeptzeichnungen freischalten will, wozu es alle 450 Maden im Spiel zu sammeln gilt, dürfte sich noch längerfristig mit dem Spiel befassen.

Aus anderer Perspektive

Technisch gesehen erwartet uns mit Deadly Creatures ein nahezu rundum gelungener Titel. Auch wenn man in erster Linie mit braunen Erdtönen konfrontiert wird, ist die Grafik stimmig und sehenswert geworden. Dabei stechen vor allem die Animationen der einzelnen Insekten heraus. Nicht nur die Tarantel und der Skorpion, auch eure Gegner wie eine Gottesanbeterin, Wespen, Käfer und allerlei Getier sind hervorragend animiert und wirken absolut lebensecht. Die meist scharfen Texturen und das generell flüssig laufende Spielgeschehen tragen weiterhin zum positiven Eindruck des Spiels bei. Die Kompatibilität mit dem 480p-Modus, das verdammt schicke Hauptmenü sowie wenige, aber geniale Videosequenzen runden den optischen Eindruck gelungen ab.

Auch im Sachen Sound hat man sich bei den Rainbow Studios viel Mühe gegeben. Die Hintergrundmusik selbst ist zwar kaum vorhanden und wabert eher aus den Boxen, der Atmosphäre im Spiel selbst ist das allerdings ziemlich zuträglich. Die Soundeffekte der Insekten mögen zwar teils unrealistisch klingen, wenn diese wie Löwen brüllend aufeinander los stürmen, dennoch tragen sie zur Gesamtatmosphäre genauso bei wie ein ständiges Knacksen, Knistern, Rascheln und Krabbeln der vielen kleinen Beine. Die stimmungsvolle Sprachausgabe hat ebenfalls einen guten Eindruck hinterlassen.

Fazit

Wer auf ungewöhnliche Spielideen steht, kommt an Deadly Creatures kaum vorbei. Zwar steht sich das Spiel mit einer zu kurzen Spielzeit sowie einigen Bugs selbst im Weg, die erbrachte Leistung der Rainbow Studios muss aber dennoch honoriert werden. Es macht unglaublichen Spaß mit einem Krabbeltier die Welt der Menschen zu erkunden, ums nackte Überleben zu kämpfen und dabei andere Insekten zu zerlegen oder schlicht und ergreifend aufzufressen. Wem sich alleine bei dem Gedanken daran die Zehennägel hochrollen, der sollte einen weiten Bogen um das Game machen. Allen anderen sei Deadly Creatures spätestens dann ans Herz gelegt, wenn sie es zu einem vernünftigen Preis ergattern können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Packshot Deadly Creatures

Deadly Creatures

Release: 13.02.2009
Publisher:
Entwickler:
Anzahl Spieler: 1
USK: 12