Testbericht: Agatha Christie: Und dann gabs keines mehr

Es kam wie es kommen musste. Beim ersten Blick auf die Pointerfunktion liegt auf der Hand, dass mit der Wii, Point and Click Adventures Einzug in unsere Wohnzimmer halten werden. Mit der Umsetzung des PC Spiels „Agatha Christie: Und dann gabs keines mehr“ aus dem Jahr 2005 steht neben „Zack & Wiki“ der zweite Titel dieser Art in den Regalen. Ob das Spiel dem Sonntags-Tatort den Rang auf unseren Mattscheiben ablaufen kann, haben wir für euch gründlich getestet. Denn der Mörder war nicht immer der Gärtner …

Zehn kleine Leichtmatrosen …

Agatha Christie: Und dann gabs keines mehr aus dem Hause JoWooD bedient sich der Geschichte des gleichnamigen Romans aus dem Jahre 1939 und ist auch inhaltlich in dieser Zeit angesiedelt. Zehn unterschiedliche Herrschaften aus Englands High Society werden von einem ihnen unbekannten Ehepaar Namens Owen für ein Wochenende auf deren Residenz Shipwreck Island eingeladen und jeder von Ihnen nimmt das Angebot dankend an.
Ihr schlüpft in die Rolle des Fährmanns Patrick Narracott dessen Aufgabe sich eigentlich darauf beschränken sollte die Gesellschaft nach Shipwreck Island zu chauffieren. Allerdings wird euer Schiff gründlich zerstört, was euren Aufenthalt auf der Insel zwangsläufig verlängert.

Der Gastgeber selbst bezichtigt jeden der geladenen Gäste per Tonaufnahme eines Mordes der noch nicht gesühnt wurde und beginnt direkt am ersten Abend mit der Selbstjustiz in Form eines ersten Mordes. Ab diesem Zeitpunkt macht ihr es euch zur Aufgabe dem Treiben auf der Insel näher auf den Grund zu gehen, denn es gibt eindeutige Hinweise, dass dieser Mord nicht der einzige bleiben soll …

Point and Click und etwas mehr

Die Steuerung des Spiels gestaltet sich zweckmäßig und gelungen. Ihr steuert euer Alter Ego durch einen Klick auf den Bildschirm, allerdings könnt ihr nur in vorher festgelegte Teile der jeweiligen Umgebung gehen. Es ist also ratsam bei Betreten eines neuen Raumes einmal am Rand des Bildschirms entlang zu fahren um festzustellen, in welchen Bereich ihr noch weiter vordringen könnt. Hat man sich einmal an diese Steuerung gewöhnt, so navigiert ihr euren Protagonisten zielsicher durch die Szenerie.
Die einzige Wii-typische Besonderheit im normalen Steuerungsablauf findet sich beim Öffnen der zahlreichen Türen im Spiel, denn dies wird durch Drehen der Wii-Remote ausgeführt. Was vielleicht seitens der Entwickler als nettes Feature gedacht war, entpuppt sich leider auf Dauer als ziemlich ermüdend.

Wenn ihr einen Gegenstand genauer untersuchen oder aufnehmen könnt, so verändert sich der Zeiger entsprechend der möglichen Aktion wenn ihr mit dem Pointer darüber fahrt. So lässt sich der Raum zügig nach interessanten Gegenständen absuchen.
Am linken bzw. rechten Rand des Bildschirms finden sich noch je ein Logo für euer Inventar und für allerlei Notizen, Aufzeichnungen und Bücher.

Typisch für die Wii sind die allgegenwärtigen Minispiele die in diesem Fall aber nicht in Form von aufgesetzten Zusatzsspielen eingebaut wurden, sondern direkt in die Rätsel mit einfließen. So muss man beispielsweise durch Neigen der Wiimote das Schloss einer Geheimtüre öffnen, was einiges an Fingerspitzengefühl erfordert. Alles in allem sind die Passagen aber gelungen und bieten eine schöne Abwechselung.

Hier hat Entwickler „The Adventure Company“ bis auf das angesprochene Öffnen der Türen alles richtig gemacht. Durch die recht kurze Eingewöhnungsphase fällt der Einstieg ins Spiel sehr leicht und man kann sofort mit den Ermittelungen beginnen.

Lange Rede wenig Sinn?

Wenn ein Mord verübt wurde gehört es sich, wie jeder aufmerksame Krimi Zuschauer weiß, zunächst mit allen anwesenden und de facto verdächtigen Personen zu sprechen, womit wir auch direkt beginnen möchten. Was am Anfang noch interessant und spannend ist artet schnell zu einem gelangweilten Weiterklicken der Antworten aus, da ihr jeder Person die selbe Frage im identischem Wortlaut stellen müsst. Welche der vorgegeben Fragen ihr dabei zuerst stellt hat weder Auswirkungen auf die Antwort der Befragten noch ergeben sich irgendwelche sonstigen Konsequenzen für den Spielverlauf. Mehrmals ist es auch erforderlich alle Personen zweimal zum gleichen Thema zu befragen um alle relevanten Informationen zu bekommen. Diese Befragungsorgien passen zwar zur Literaturcharakter des Spiels, wirken aber auf Dauer sehr dröge und sind auch nicht wirklich dienlich um tiefer in die Story einzusteigen. Hier hätte man vielleicht lieber öfter auf die ordentlichen Zwischensequenzen zurück greifen sollen.

Leider hat man im Spiel des öfteren das Gefühl, gar nicht so genau zu wissen nach was man eigentlich gerade sucht. So ertappt man sich immer wieder beim planlosen Herumschlendern durch das Haus bzw. über die Insel bis der Protagonist entweder zufällig jemandem in die Arme läuft oder sich in der Umgebung etwas zur Verarbeitung entdecken lässt, wodurch die Geschichte in einer Zwischensequenz voran schreitet. Das ist auf der einen Seite natürlich das Spielprinzip nach dem dieses Genre funktioniert, auf der anderen Seite wünscht man besser an die Geschichte heran geführt zu werden um zu verstehen, welcher nächster Schritt logisch wäre.
Ähnlich gestaltet es sich manchmal leider auch mit den Unmengen an Rätseln die permanent gelöst werden können. Diese sind zwar nicht immer wirklich fordernd, aber streckenweise schlichtweg unlogisch. Dabei ist allerdings löblich hervorzuheben, dass die Entwickler durch den nicht linearen Spielablauf, den vielen Sidequests als auch den unterschiedlichen Ausgängen einen guten Anreiz geschaffen haben das Spiel mehrmals zu lösen, was allerdings leider auf Kosten der logischen Storyline geschieht.

Als wirklich nervig hingegen entpuppen sich die ständigen Ladezeiten die sogar dann auftreten, wenn man lediglich innerhalb des Hauses von einem Raum in den nächsten wechselt. Der Spielfluss leidet hier bedauerlicher Weise erheblich, vor allem weil man einen Großteil der Zeit damit verbringt jeden noch so kleinen Winkel des Hauses zu durchsuchen.

Wer sich die Zeit nimmt, die Umgebung gründlich zu durchforsten und auch nicht davor zurück schreckt ein bisschen Zeit in mehr oder minder logisches Ausprobieren zu investieren, kann sich über mangelnden Rätselstoff nicht beklagen. Der Spieler wird somit viele Stunden damit verbringen, Informationen aus den liebevoll kreierten Charakteren heraus zu kitzeln und die Geheimnisse der Insel zu erforschen.

Grafik und Sound

In Sachen Grafik muss man gegenüber der PC-Version leider ein paar Abstriche machen, denn wenn es um Details und Texturen geht sieht die Wii-Version bestenfalls durchschnittlich aus. Die gerenderten Zwischensequenzen präsentieren sich zwar im Großen und Ganzen ordentlich, allerdings wirken die Bewegungen der Figuren altbacken und hölzern, aber auch die Texturen der Gesichter sind nicht mehr zeitgemäß. Dem Spielspaß tut das zwar keinen Abbruch, etwas mehr Mühe hätte man sich schon jedoch geben können.
Gut gelungen ist hingegen die gesamte Gestaltung des Hauses und der Umgebung, die den Spieler in die 40er Jahres des letzten Jahrhunderts versetzen und gepaart mit Sprachausgabe sowie Soundkulisse ein stimmiges Bild abgibt.

Bei der Musikauswahl von „Agatha Christie“ hat man sich für eine passende Klaviermusik entschieden, welche das Ambiente des Spiels sehr gut unterstützt, auf Dauer aber leider etwas eintönig wird.
Ein dickes Plus hat dafür die komplett deutsche Synchronisation mit guten Off-Sprechern verdient, die sowohl die Zwischensequenzen als auch jeden einzelnen Dialog des Spiels untermalt. Zwar sprechen diese meistens so langsam, dass man schon eine gute Portion Gelassenheit braucht um wirklich jeden auch in voller Länge zu Wort kommen zu lassen, aber manchmal möchte man sich einfach zurück lehnen, entspannen und hören, was es zu berichten gibt. Nur gut, dass man zum Spielen in der Regel auf dem gemütlichen Sofa Platz genommen hat …

Fazit

Ich habe mich gefreut mit Agatha Christie meine ersten Point and Click-Erfahrungen auf einer Konsole zu machen, doch meine Erwartungen wurden leider nicht auf ganzer Linie erfüllt. Der erste Eindruck das Titels ist zwar solide, doch das schleppende Gameplay, die unnötigen Ladezeiten und die zeitweise auftretende Planlosigkeit bezüglich der momentanen Zielsetzung trüben diesen Eindruck.
Zwar kann die stimmungsvolle Präsentation und der gute Sound das Gesamtbild des Spiels aufwerten, aber für mehr als gehobenes Mittelmaß reicht es leider nicht.
Auf Grund mangelnder Alternativen können Point and Click-Freunde, die Zack & Wiki bereits durchgespielt oder ein Faible für die Agatha Christie-Thematik haben, bedenkenlos zugreifen. Alle anderen sind sicher gut beraten, dieses Adventure vor dem Kauf zu testen um nicht eventuell enttäuscht zu werden.

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