Testbericht: Agatha Christie: Das Böse unter der Sonne

Detektiv Conan? Ein kleiner Hosenscheißer. Phoenix Wright? Zu wenig Stil. Nina Kalenkow? Zu wenig männlich. Doch Aufgepasst: Jetzt kommen die großen Ermittler vergangener Tage, als ohne Smoking und Mindestbauchumfang noch kein Detektiv das Haus verließ und der Mörder (fast) immer der Gärtner war. Jetzt kommt „Das Böse unter der Sonne“!

Stil und Anstand

Den bekanntesten Detektiv der Welt kennt jeder. Klar, es ist Sherlock Holmes mit seinem markant karierten Hut und der dauerhaft brennenden Pfeife. Auch Dr. Watson ist weit über die Welt der Romanleser hinaus bekannt. Ein wenig Nachholbedarf dürfte der ein oder andere jedoch bei Hercule Poirot haben. Dabei löste der beleibte belgische Schnüffler schon vor Jahrzehnten die Fälle in Agatha Christies Krimiromanen. Natürlich stets mit sauber gezurrtem Schnurrbart, maßgeschneidertem Anzug und feinen Lackschuhen. In der Romanversoftung Das Böse unter der Sonne ist Poirot nun bereits zum zweiten Mal auf der Wii unterwegs, diesmal um den Mord an einer Schauspielerin aufzuklären. Das Ganze geschieht wieder in klassischster Adventuremanier – durch Reden, Sammeln, Denken und Kombinieren. Bisher noch eine Seltenheit auf Nintendos Konsole, die seit Zack & Wikiund Geheimakte Tunguska kein wirklich gutes Adventure mehr gesehen hat. Schafft es Poirot diese Sparte zu bereichern?

Entschuldigung, sind Sie zufällig Gärtner?

Natürlich wird an dieser Stelle noch nicht verraten, wer der Mörder ist, vom Klischee des Gärtners sollten sich alle angehenden Hobbydetektive aber schleunigst verabschieden. Stattdessen geraten im Laufe des Spiels ganze 20 Personen unter Mordverdacht – alles Menschen, die zum Tatzeitpunkt am Tatort gewesen sein könnten und ein Motiv hätten. Doch eins nach dem anderen.
In Das Böse unter der Sonne verschlägt es Hercule Poirot mitten ins Ferienparadies einer britischen Insel. Während 1940 in Europa bereits Krieg herrscht, macht hier die feine Gesellschaft noch schick Urlaub. Auch die Schauspielerin Arlena Mashall ist vor Ort und verdreht bei ihren Auftritten der Männerwelt den Kopf. Das gefällt nicht jedem und kurz darauf wird die Diva tot aufgefunden. Doch wer hat sie umgebracht? Das genervte Hotelpersonal? Ihr eifersüchtiger Ehemann? Oder doch eher ein Mitglied der konkurrierenden Damenwelt? Dies herauszufinden liegt an Euch!

Die eigentliche Geschichte beginnt dabei schon einen Tag vor dem Mordfall. Beim Umherstöbern im Hotel sowie den Gesprächen mit anderen Gästen nehmt ihr bereits von ersten Drohbriefen gegen die Schauspielerin Notiz – ganz klar, hier ist etwas im Busch. Leider verpasst das Spiel es damit aber auch, dem Spieler einen packenden Einstieg zu servieren. Denn bis es überhaupt zum Mordfall kommt und damit die eigentliche Handlung beginnt, vergeht bereits die ein oder andere Spielstunde ohne wirklichen Inhalt. Erst nach dem Todesfall gelingt es dem Titel Fahrt aufzunehmen und es offenbart sich Agatha Christies Gespür für Spannung und tiefsinnige Charaktere. Denn so harmlos, wie die 20 wichtigen Figuren zunächst wirken, ist keine davon!
Spielerisch folgt das Böse unter der Sonne den Wurzeln des Genres. Per Wii-Remote-Zeiger bewegt ihr Detektiv Poirot durch vorgerenderte Hintergründe, sucht den Bildschirm nach nützlichen Gegenständen ab, sackt alles ein, was nicht niet- und nagelfest ist, setzt die Inventargegenstände an den richtigen Stellen wieder ein und quetscht per Multiple-Choice-Verfahren Informationen aus Gesprächspartnern. Nach und nach erfahrt ihr die Alibis der übrigen Hotelbewohner, die zunächst absolut Wasserdicht erscheinen. Um Weiterzukommen versucht ihr Ungereimtheiten in den Aussagen zu finden, bzw. Dinge, die nicht mit den Beobachtungen anderer Zusammenpassen. Ein weiteres wichtiges Werkzeug des Detektivs ist die Stoppuhr. Mit ihr lässt sich (automatisch) die Zeit messen, die ein Verdächtiger zum Tatort benötigt hätte. Gefundene Schriftstücke geben darüber hinaus nach und nach einen Überblick, was sich genau zum Tatzeitpunkt zugetragen hat.

All das ist der Stoff aus dem ein guter Christie-Roman besteht und mit dem auch schon Miss Marple Millionen von Krimifreunden begeistert hat. In dieser Kriminalwelt wird nicht gejagt oder geprügelt, es wird stilvoll gefragt und logisch gedacht. Stilistisch unterscheidet sich Das Böse unter der Sonne daher auch von vergleichbaren Adventures wie Geheimakte Tunguska – Spielablauf, Handlung und Spannungsbogen sind ruhig und gemächlich, letzterer baut sich erst langsam auf. Apropos langsam: Teilweise haben es die Entwickler mit der Gemütlichkeit ein wenig übertrieben, denn eure Spielfigur schleicht regelrecht über den Bildschirm – lediglich eine Funktion, den aktuellen Bildschirm sofort zu verlassen, rettet ungeduldige Spieler vor dem Nervenzusammenbruch. Von der modernen, auf Kino-Look getrimmten Inszenierung der heutigen Spielewelt ist der Titel generell soweit entfernt, wie Poirot von der Idealfigur. Wer sich mit dieser sehr klassischen Kriminalästhetik also nicht anfreunden kann, wird mit Das Böse unter der Sonne höchstwahrscheinlich von vorne herein nicht warm. Leider macht es der Entwickler The Adventure Company dem modernen Spieler auch alles andere als leicht. Mittlerweile gängige Komfortfunktionen – etwa die Anzeige aller spielrelevanten Objekte auf dem Bildschirm – fehlen komplett, spielerisch wird zudem nur wenig Herausforderung geboten. Die meisten Rätsel lassen sich mit ein kleinwenig Nachdenken sofort lösen, an anderen Stellen erscheint die Lösung, selbst wenn man sie gefunden hat, irgendwie nicht logisch. Eine leicht paranoide Frau hat sich beispielsweise in den Kopf gesetzt, mittels Fernglas nach deutschen U-Booten Ausschau zu halten – schließlich befinden wir uns ja im Krieg. Um weiterzukommen braucht Poirot jedoch ein Fernglas, was also tun und nicht stehlen? Ganz einfach, nach einem kurzen Gespräch gibt die Dame das Teil freiwillig heraus, offenbar hinterlassen wir mit unserem schicken Maßanzug mehr Eindruck als die Gefahr einer deutschen Invasion. An solchen Stellen wurde die Chance auf ein cleveres Rätsel einfach verschenkt, dafür kommen sie auch nur selten vor.

Als kleine Besonderheit haben die Entwickler dagegen versucht die Wii-Steuerung noch irgendwie zu integrieren. So könnt ihr bestimmte Objekte beispielsweise von Hand drehen. Diese Momente sind allerdings derart selten, dass sie A. kaum der Rede wert sind und B. den Eindruck erwecken, man wolle dieses Element einfach auf Biegen und Brechen noch unterbringen. Die übrige Steuerung gestaltet sich nämlich, wie auch der Rest des Spiels, höchst Konservativ. Die Wiimote dient als Mausersatz, per Klick auf den Bildschirm bewegt ihr Poirot durch das Spiel. Je nachdem ob und wie mit einer Objekt oder einer Person interagiert werden kann, verändert sich der Cursor. Und solltet ihr trotz allem überhaupt nicht weiterkommen, so gibt euch Poirot mittels eines „magischen Fingers“ Hinweise. Was genau es mit diesem Ding auf sich hat, gilt es übrigens ebenfalls zu lösen.

Technik von Übergestern

Adventures haben meist einen entscheidenden Vorteil. Durch die Verwendung von vorgerenderten Hintergründen wird die Hardware kaum belastet – die wenigen in Echtzeit berechneten Objekte können dafür umso detailierter dargestellt werden. In der PC Version von Das Böse unter der Sonne trifft das auch noch halbwegs zu, auf Wii ist das Spiel jedoch bisweilen arg trist geraten. Die Figuren sind noch recht nett entworfen und passen zum noblen Stil der 40er, die Animationen sehen dagegen beispiellos schlecht aus, schlechter als zu Beginn des 3D-Zeitalters. Selbst simple Armbewegungen sind selten und meist ruckelig und abgehackt, oft stockt das Spiel vor einer Körperbewegung sogar einen kleinen Augenblick und lädt. Dies in Kombination mit den meist tristen Hintergründen hinterlässt einen äußerst mageren Eindruck und kann selbst der kaum vorhandenen Wii-Konkurrenz keineswegs standhalten.
Auch die Musik plätschert meist nur im Hintergrund vor sich hin, unterstreicht aber dennoch die Retrokrimi-Atmosphäre des Agatha Christie-Universums. Die Sprecher sind überwiegend gut gewählt und leisten ordentliche Arbeit, selbst der französische Akzent von Poirot geht überraschenderweise nicht auf die Nerven.

Fazit

Nun, zugegeben, besonders viel Auswahl haben Nintendos Knobelfreunde nicht. Und das, obwohl die Wii eine ideale Adventureplattform ist, wie nicht nur Zack & Wiki bewies, sondern auch Das Böse unter der Sonne in seinen starken Momenten deutlich macht. Doch leider ist die Präsentation so staubtrocken wie zwei gehäufte Esslöffel Mehl zum Frühstück und auch die eigentlich spannende Handlung kommt erst spät in Fahrt. Dadurch schleichen sich immer wieder Längen in den Spielablauf, bis der wahre Mörder dann endlich gefunden ist. Krach-Bumm-verwöhnte Spieler werden das als stinklangweilig abtun und lieber GTA zocken.
Etwas ältere Semester oder Kenner der Bücherreihe erwartet dagegen eine spannende, wenn auch zu langsam anlaufende Geschichte, die spielerisch wie technisch aus der Zeit Agatha Christies stammen könnte.

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