Testbericht: WALL-E: Der Letzte räumt die Erde auf

In einer fernen Zukunft hat die Menschheit ihre durch Konsum, Gier und Ignoranz verdreckte Erde verlassen – zurück blieben lediglich eine Schar Müllsammelroboter und das Jump’n‘Run-Spiel „WALL-E“. Wir klären, wer davon seinen Job besser macht.

Wooooaaaaalliiiiii

Ist er nicht süß, der Kleine? Man möchte ihn fast drücken und ihm in die nicht vorhandenen Bäckchen kneifen. Die Animationsexperten von Pixar beweisen in ihrem neuesten Werk wieder einmal großes Können, in dem sie nicht nur technische Perfektion abliefern, sondern auch eine fantastische Charakterzeichnung. Und was die Menschen in ihr Herz schließen, das lässt sich sicherlich auch gut verkaufen. Allein die grützige Versoftung des tollen Transformers-Films ging mehr als 3 Millionen Mal über die Ladentheken. Beste Voraussetzungen also, um mit dem Multiplattformtitel Wall-E an den (bisher großen) Erfolg des Kinofilms anzuknüpfen. Ob das Ganze Spaß macht ist natürlich eine andere Frage, denn unterm Strich ist auch die Wii-Version von WALL-E – Der Letzte räumt die Erde auf nur ein typisches Lizenzspiel. Doch THQ hat es zumindest nicht ganz verbockt.

Müll im Quadrat

Wall-E hat Pech. Denn der Letzte muss die Erde aufräumen. Und Wall-E ist der Letzte. Auf der ganzen Welt. Nachdem die Menschheit den ehemals blauen Planeten in Richtung Weltall verlassen hat, startete der Konzern Buy’n’Large eine großflächige Säuberungsaktion. Die sogenannten „Waste Allocation Load Lifter – Earth-Class-Roboter“ – kurz Wall-E – sollen innerhalb von fünf Jahren den Planeten reinigen. 700 Jahre später ist nur noch ein einziger Wall-E übrig, die Erde aber immer noch verdreckt. Und so geht ihr als Spieler zusammen mit eurem Blechkameraden zunächst dessen täglichem Werk nach, nämlich Müll in kleine Würfel zu pressen und irgendwo zu stapeln. Das Spiel entpuppt sich als klassisches Jump’n’Run. Bedingt durch die Filmvorlage gibt es zunächst quasi keine Konfrontationen, stattdessen düst ihr durch heruntergekommene Erdenstädte, hüpft über bewegte und unbewegte Hindernisse, bewerft entfernte Schalter mit Müllblöcken und löst auf diese Weise kleine Rätsel. So gilt es beispielsweise ein Ersatzteil für eine beschädigte Buy’n’Large-Verkaufsstation zu finden, damit diese Müll (?) ausspuckt, den ihr wiederum zu Würfeln verarbeiten könnt. Oder ein anderes Mal müsst ihr per Schalter Plattformen in die richtige Position bringen, damit sie anschließend passiert werden können. Völlig unerklärlich ist zudem, warum Wall-E nur an bestimmten, vorgegebenen Müllhaufen seine Würfel pressen kann, obwohl die Levels zu 90% aus Müll bestehen. Das macht es natürlich auch schwieriger, die spielerisch relevanten Müllhaufen von den lediglich dekorativen Müllhaufen zu unterscheiden.

Davon abgesehen spielt sich der Titel zunächst sehr konservativ, ein wenig frischen Wind gibt’s mit dem Auftreten der fliegenden Roboterdame EVE. Sie begleitet Wall-E, hebt ihn auf Knopfdruck bei Sprüngen noch weiter in die Höhe, oder kann ihn sogar vor Abstürzen retten. In acht Welten folgt das Blech-Duo mehr oder weniger direkt der Filmhandlung, bzw. knüpft Verbindungen zwischen den Schauplätzen der Kinovorlage. Obwohl es nette Zwischensequenzen gibt, kommt die Story im Spiel jedoch viel zu kurz. Klar – die Hauptzielgruppe hat natürlich den Film schon gesehen, dennoch muss man sich nahezu sämtliche Zusammenhänge selbst erklären, denn die Welten an sich folgen keiner logischen Verknüpfung. Stets werdet ihr vor ähnliche Jump’n’Run-Herausforderungen gestellt, bzw. absolviert mit EVE hektische Flugeinlagen unter Zeitdruck. Anders als in Wall-Es Abschnitten, folgt die polierte Dame dabei automatisch einem Levelschlauch, per Pointer dirigiert ihr sie in einem begrenzten Rahmen herum, um nahenden Hindernissen auszuweichen. Wenig originell, zumal der gewählte Steuerungsansatz alles andere als ein glaubwürdiges Fluggefühl vermittelt.
Insgesamt war den Entwicklern von Heavy Iron ihr Heldenduo anscheinend wichtiger, als das Spiel. Spielerische Abwechslung sucht man innerhalb der Levels vergeblich, wenn gleich auch die gebotene Kost nicht die schlechteste ist. Die soliden Plattform-Einlagen verdienen durchaus die Bezeichnung Jump’n’Run und bieten einen ausgewogenen Schwierigkeitsgrad. Jüngere Spieler, die nicht ohne Wall-E leben können, werden hier zumindest keiner Katastrophe ausgesetzt – echte Vielfalt sieht allerdings auch anders aus.

Der Trick mit dem Zapper

Irritiert blickt der dem Jugendschutz zugeneigte Familienvater auf die Wall-E Spielverpackung, denn als unterstützte Peripherie wird hier unter anderem der Wii-Zapper angeben. Was hat denn das Plastikgewehr in einem Kinderspiel zu suchen? Eigentlich gar nichts, und wirklich gebraucht wird es auch nicht. Allerdings ist während der Entwicklung wohl aufgefallen, dass zur Steuerung von Wall-E derart wenige Tasten benötigt werden, dass man selbst auf das eingeschränkte Korsett des Wii-Zappers noch alle wichtigen Funktionen legen kann. Sinnvoll ist das freilich nicht, denn der Titel ist nun mal kein Shooter (mit Ausnahme eines Multiplayer-Minigames), aber es macht sich gut auf der Packung.
Die Kontrolle des Blechkameraden geht dennoch denkbar einfach von der Hand. Per Stick wird gelenkt, mit A gesprungen, B aktiviert die Zielerfassung zum Werfen. Haltet Ihr A länger gedrückt, klappt sich Wall-E selbst zum Würfel zusammen und kann, genau wie Samus in den Metroid-Spielen, durch die Level rollen. An einigen Stellen im Spiel kommt das zwar zum Einsatz, wirklich notwendig ist es allerdings nie.
Spielt ihr mit EVE wird’s schon etwas kniffliger, da sich die Dame bevorzugt durch die Lüfte bewegt. Wie schon angesprochen wird ihre Flugbahn mit dem Pointer gelenkt – keine ideale Lösung, da die Erfassung der Infrarotsensoren etwas zittrig erfolgt. Zudem sind auf diese Weise auch keine schnellen Manöver möglich, etwa wenn EVE sich an einer Kante verhakt hat.
Wenigstens ist die Kamera bei den Flugeinlagen starr zentriert, denn während der Hüpfpassagen muss ständig manuell nach justiert werden.

700 Jahre alte Technik

Ganz so alt wie Wall-E ist, sieht er zum Glück nicht aus. Doch obwohl die Heavy Iron Studios lediglich die Spielversionen für Xbox360, PS3 und Wii entwickelt haben (die PS2, PSP und PC Version wurde von einem anderen Entwickler parallel programmiert), versprüht das Weltuntergangsabenteuer bestenfalls den Charakter eines Playstation 2-Ports. Zwar ist die Weitsicht mit ihrer zerstörten Skyline sehr lobenswert und die Animationen der Blechhelden sind äußerst gelungen, der visuelle Gesamteindruck ist dennoch eher zwiespältig. Insbesondere die schwachen Texturen machen aus der tristen Welt bei näherer Betrachtung einen großen Matschhaufen. Effekte werden darüber hinaus nur spärlich eingesetzt und sind, etwa im Falle der Explosionen, auch alles andere als bewundernswert. Zudem leistet sich das Spiel immer wieder kleinere Fehler – besiegte Feinde ploppen manchmal sofort nach dem KO-Treffer weg, statt in ihrer „Sterbeanimation“ kaputtzugehen. Bei einem größeren Feindaufgebot gerät die Bildwiederholungsrate zudem ins Stocken.

Soundtechnisch kann das Spiel dank seiner filmischen Vorlage wieder einiges gutmachen. Die liebevollen Geräusche der Roboter aus der Meisterhand von Ben Burrt (erfand unter anderem den legendären Lichtschwert-Sound) transportieren auch ohne Worte eine Menge Charme, die Musik ist meist unaufdringlich und stört nie. Lediglich die sich immer wiederholenden Sprüche an den Buy’n’Large Stationen passen nicht so recht ins Setting.

Gemeinsam die Welt retten

Hurra, Wall-E bietet sogar einen Multiplayer-Modus, ein exklusives Schmankerl auf der Wii. Verzeiht den Zynismus, denn wem es völlig an Alternativen fehlt, der kann mit den gebotenen Mehrspieleroptionen durchaus eine Weile Spaß haben. Zusammen mit bis zu drei Freunden werden lokale Deathmatches oder Rennen ausgetragen, außerdem gibt es ein paar extra entwickelte Railshooter-Missionen. Für ein paar kurzweilige Stunden durchaus in Ordnung, jedoch ist die Konkurrenz im Mehrspielerbereich gerade auf der Wii derart groß, dass die gebotenen Optionen eigentlich in der Belanglosigkeit versinken.

Fazit

Wall-E ist toll, Wall-E ist unglaublich lustig, Wall-E sieht revolutionär gut aus und Wall-E kann man sich durchaus mehrmals antun. Ja, all das trifft ohne Zweifel zu – auf den Film. Nicht auf das Spiel. Die übliche Lizenzkost aus Oma Mainstreams Suppenküche war ja schon zu erwarten, leider bemüht sich der Titel nicht, den Mantel der Vorurteile abzulegen oder mit der Atmosphäre der Kinovorlage zu punkten. Spiele wie Shadow of the Colossus für die PS2 haben bereits bewiesen, wie atmosphärisch eine leere, leblose Welt sein kann, ähnliches hätte auch das Wall-E Spiel erreichen können.
Doch unter dem Strich ist es einfach nur ein durchschnittliches Jump’n’Run geworden, dass zwar spielerisch nicht zum Schlechtesten gehört, jedoch auch ohne jegliche Innovation daher kommt. Kleine Boni wie freispielbare Filmschnipsel gehören zum üblichen Repertoire einer jeden Filmversoftung, ansonsten herrscht tote Hose im Mittelfeld. Lediglich jüngere Spieler dürften mit dem Blechkameraden eine Zeit lang ihren Spaß haben, da die Aufgaben spielerisch akzeptabel und nicht zu schwer sind. Alle anderen schnappen sich für die hier verlangten 50 Euro besser einen lieben Menschen, gehen Pizzaessen, kaufen danach zwei Kinokarten in der teuersten Kategorie, Popcorn und Cola und werden dafür sicherlich mit einem schöneren Abend belohnt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.