Testbericht: Tiger Woods PGA Tour 11

Was hat der Namensgeber von EAs Golfsimulation seit der Veröffentlichung des Vorgängers alles für Schlagzeilen gehabt! Werbeverträge sollten gekündigt werden, seine Karriere stand auf dem Spiel – und das alles, weil der vom Boulevard so getaufte „Schniedel Woods“ das Einlochen zur außergolflichen Vollzeitbeschäftigung machte. Aber in gewohnter Manier kommt auch in diesem Jahr kein anderer Partner für die Sportsimulations-Spezialisten in Frage – und das ist gut so. Es geht ja ums Golfen, nicht ums Einlochen. So, nun ruft euren Caddie, es geht zum Abschlag!

Da pack ‚mer noch was drauf!

Eine Frage stellen sich wohl die meisten von uns immer wieder, die ein EA Sports-Spiel in der Hand halten: Ist das jetzt wieder ein grafisches Update für 50 Euro oder bekommen wir für das Geld auch neue Inhalte? Die Frage ist bei Tiger Woods PGA Tour 11 schnell und präzise beantwortet: Definitiv mehr Inhalte!

Im Entwicklerstab von EA hat wohl mittlerweile auch der Letzte kapiert, dass die Golfreihe auf der Wii nun mal einfach zu Hause ist und so wurde auch in diesem Jahr einiges getan, dass der Platzhirsch zementiert wird. Satte 29 Kurse hat die Wii-Version zu bieten – im Vergleich zur HD-Konkurrenz eine ganze Menge. Dort gibt’s nur 17 Kurse auf der Disc, der Rest steht lediglich als Download-Content zur Verfügung. Zusätzlich wurde den ambitionierten Hobbygolfern der Ryder Cup spendiert. Dabei handelt es sich um einen Mannschaftswettbewerb, bei dem man sich entweder dem europäischen oder dem US-amerikanischen Team anschließen kann, um gemeinsam verschiedene Kurse um den Sieg zu bespielen.

Aber das ist nicht die einzige Neuheit. EA hat gewaltig am Schwierigkeitsgrad getüftelt. Während einem in der Vergangenheit drei verschiedene Schwungmodi geboten wurden, die damit den Schwierigkeitsgrad ausmachten, so wird jetzt noch ein zusätzlicher Spielschwierigkeitsgrad eingestellt. Diesen gibt es in vier Stufen von „Easy“ bis „Expert“. Da das noch nicht reicht, wurde der bisherige Schwungschwierigkeitsgrad um weitere zwei Punkte erweitert: „Advanced Plus“ und „Tour Pro“. Letzterer wendet sich wohl an wahrhaftige Golfer, denn dieser Grad soll wohl dem Spielgefühl auf dem Platz entsprechen – ich kann das nicht verifizieren, da ich diesen Sport bisher nur virtuell spielte, aber „Tour Pro“ hat es wirklich in sich und ist für Grobmotoriker weniger geeignet! Hier greift auch eine weitere Neuerung, der „True View“. Bisher kanntet Ihr Euer Alter Ego auf dem Platz, da alles Third-Person dargestellt wurde. Jetzt habt Ihr auch die Möglichkeit, Eure Abschläge aus der Ich-Perspektive durchzuführen. Während der höchste Schwierigkeitsgrad nur auf diese Weise spielbar ist, kann man sonst zwischen First- und Third-Person wählen.

Schatz, ich bin ma‘ auf’m Platz!

Dreh- und Wendepunkt von Tiger Woods PGA Tour 11 ist natürlich wie immer der Karrieremodus, auch wenn wieder einige (fast durchgehend brauchbare) Minispiele geboten werden, der Ryder Cup neu eingeführt wurde, das Disc Golf wieder dabei ist, ein paar spaßige Minigolfbahnen darauf warten bespielt zu werden und man bei den Skill Challenges aufs Neue legendäre Schläge nachahmen kann.

Die Erschaffung meines virtuellen Ichs ist gewohnt detailreich, so dass man alleine dafür eine halbe Stunde Zeit einkalkulieren sollte. Aber wer die Reihe kennt, der weiß, dass man sowieso einige Stunden vorm Bildschirm versackt, wenn man einmal angefangen hat zu spielen. Meine Freundin weiß davon momentan ein Lied zu singen.
Ich gehe oft auf den Platz, habe mittlerweile Werbeverträge mit namhaften Herstellern, deren Klamotten ich auf dem Fairway zur Schau trage. Leider wurde auch diesmal nicht bedacht, dass der vernünftig denkende Golfer niemals in Shorts und kurzem Polo auf den Platz geht, wenn es in Strömen regnet. Eine alternative Spielkleidung würde auch die letzte atmosphärische Lücke schließen, denn ansonsten gibt’s nichts in Sachen Stimmung auszusetzen. Durch die Verbindung mit dem Wetterkanal spielt Ihr (optional) wieder zu den Originalbedingungen vor Ort. Wenn es aus Eimern schüttet, dann kommen nicht nur weniger Zuschauer, sondern der Platz wird auch ziemlich schwer bespielbar. Es entsteht sogar der Eindruck, dass hier an der Physik noch etwas gefeilt wurde und der Ball im triefend nassen Gras noch schwerer zu platzieren ist.

Damit Ihr während des Spielverlaufs immer auf dem Laufenden bleibt, werdet Ihr über die Leistungen Eurer Gegner durch ein kleines Fenster oben rechts informiert. Einen Putt Eures Gegners wird auch mal in der Ferne vom Publikum mit frenetischem Applaus kommentiert. Und wo wir schon einmal beim Thema Kommentar sind: Es ist angenehm, mal ein EA-Sports-Game zu spielen, in dem nicht permanent am Spiel vorbei kommentiert wird. Dieser Job wird übrigens wieder von ESPN-Kommentator Scott van Pelt und der Lady of Golf schlechthin, Kelly Tilghman, erledigt. Man mag es kaum glauben: Die Kommentare sind oftmals sogar hilfreich! Mehrmals hörte ich van Pelt schon Sätze sagen wie: „I think this is heading for the Bunker!“ Mit Hilfe des Steuerkreuzes und einer kleinen Schütteleinlage kann ich dem Ball jedoch im Flug noch etwas Spin verleihen und ihn so vielleicht noch retten. Sollte es mir gelingen, wird Kelly ihren Kollegen darauf aufmerksam machen, dass er doch seine Augen aufmachen solle, denn der Ball sei klar auf dem Fairway! Die Distanzanzeigen der verschiedenen Schläger erweisen sich stellenweise als sehr tückisch – so muss man im Laufe des Spiels doch ein gewisses Gefühl für seine Golfclubs entwickeln und immer bedenken, dass die vorgeschlagene Endzone nicht unbedingt dem ersten Landepunkt des Balls entspricht, da sie ja vorher auf dem Boden aufkommen und den Rest des Weges hüpfen und rollen. So kann man sich gerade am Anfang doch böse verschätzen, wenn Sandbunker oder ein Wasserhindernis zwischen dem Spieler und dem Green liegen.

Einige grafische Bugs des Vorgängers wurden beseitigt, nur wenn man im True View-Modus sehr nahe an Bäumen liegt, kann es sein, dass das Laub vor Euren Augen anfängt zu blinken. Aber das kommt nicht so häufig vor. Diese neue Perspektive ist übrigens richtig gut gelungen. Während in der Third-Person-Sicht der Schlägerkopf wie gehabt unten rechts angezeigt wird, so könnt Ihr dank der Neuerung nun direkt von oben schauen, ob Ihr den Ball auch im richtigen Winkel trefft. Das macht das Driven und Putten so realistisch, dass ich mich täglich darauf freue ein paar Bälle zu schlagen. Während Ihr an Eurer Karriere feilt, werdet Ihr so einige Auf und Abs Eurer Gefühlswelt durchleben dürfen. Schon mal den Sieg eines Vier-Tage-Turnieres beim vorletzten Loch verspielt? Nein? Oder habt Ihr mal vor lauter Zockerei Euren Drink vergessen, um nach einer Stunde festzustellen, dass Euer halb leeres Glas schon wieder voll ist, weil die Eiswürfel geschmolzen sind? Auch nicht? Tiger Woods PGA Tour 11 zieht den Spieler in seinen Bann, weckt den Ehrgeiz und nicht selten vergehen auch mal sechs Stunden wie gefühlte fünf Minuten, weil „das eine Loch, das mach ich noch…“

Mehr Details bitte!

Als zusätzlichen Reiz hat EA rollenspielähnliche Erfahrungspunkte eingebaut. Simpel gesagt heißt das: Für einen guten Schlag gibt’s Punkte, für einen richtigen miesen werden sogar welche abgezogen. Je mehr Erfahrung Ihr sammelt, umso weniger EP gibt es für die jeweilige Aktion – und umso mehr werden für die schlechten abgezogen. Sobald Ihr ein Level aufgestiegen seid, winken meist Werbeverträge, im Shop werden neue Items freigeschaltet und Ihr dürft Attributpunkte verteilen (auf Power, Genauigkeit, Spin usw.). Zusätzlich lässt sich noch Euer Golfschläger auf der Driving Range tunen. Aber keine Sorge: durch die Pimp-Gimmicks geht nichts an realistischer Simulation verloren. Sie wirken sich nur minimal auf das Spiel aus. Ihr schlagt eben ein bisschen weiter und akkurater – wenn Ihr jedoch einen Schlag mit der Remote total versemmelt, können auch die besten Werte nichts mehr ändern. Zudem werden die Wii-Spieler von den vollkommen unrealistischen Skill boostenden Klamotten der HD-Konkurrenz verschont!

Um Euch zusätzlich zum Sponsoring und den Turniergeldern noch ein paar Kröten dazu zu verdienen, gibt es die Möglichkeit die sogenannten „Instant Challenges“ zu schlagen. Bei einer Online-Verbindung Eurer Konsole werden Euch des Öfteren gute Leistungen anderer Spieler angezeigt, die es zu überbieten gilt. Knackt Ihr die Bestmarke des längsten Drives oder liegt besonders nahe am Pin, dann gibt es Dollars oben drauf. Die könnt Ihr natürlich im Shop ausgeben oder aber Ihr investiert sie in das neue Fokus-System von Tiger Woods PGA Tour 11. Dort könnt Ihr die Eigenschaften Eurer Schläger vor jedem Turniertag gegen Bares verfeinern. Das funktioniert mit den gleichen Attributen, die Ihr auch bei Eurem Charakter verbessern könnt.

Auch in die Spiele abseits des Karrieremodus hat EA einige Arbeit gesteckt. So wichen die lieblosen Minigolfkurse im Grünen vier richtig schön gestalteten Themenparks mit Bahnen, die teilweise doch recht anspruchsvoll sind. Auch im Online-Bereich hat sich einiges getan. Natürlich wurden die Spielarten des Ryder Cup (Foursome und Fourball) multiplayerfähig gemacht – und es gibt jetzt zusätzliche zu den Stroke Play- auch Match Play-Runden.

Ein offenes Ohr für die Fans bewiesen die Entwickler auch, in dem sie das Disc Golf in den Onlinebereich mit einbanden. Die Tiger Woods-Variante gefällt zudem ohnehin besser als die Wii Sports Resort-Fassung des Frisbee-Sports. Das I-Tüpfelchen der Neuerungen bildet zum Schluss der „Tee Shot Live“. Hier könnt Ihr Eure detaillierten Werte und Schlagstatistiken mit denen der Profis vergleichen. Das bringt Euch natürlich nur in den höheren Schwierigkeitsgraden etwas, da umso weniger Werte getrackt werden je leichter Ihr spielt.

Grafik & Sound

Die Grafik von Tiger Woods PGA Tour 11 ist top – bis auf die kleineren Fehler, die bereits angesprochen wurden. Spiegelungen im Wasser sind stimmig und sauber, die Schatten der Vögel am Himmel huschen über den Platz und bei Golfkursen an der Küste könnt Ihr entspannt den Wellengang beobachten. Auch habe ich bei anderen EA-Sports-Spielen schon hässlichere Zuschauer gesehen als hier. Alles in allem lässt sich sagen, dass die Entwickler hier das Optimum aus der Wii herausholen. Schade nur, dass keine EDTV/HDTV-Unterstützung geboten wird, sonst würde alles vielleicht noch etwas schicker aussehen. Etwas anders verhält sich das beim Sound. Klar – auf dem Golfplatz sind nicht viele Geräusche zu hören, aber das Meeresrauschen wirkt blechern und die leider öfter auftretenden Klickgeräusche beim Bildschnitt sind wirklich etwas nervig. Am Rest gibt es jedoch auch in Sachen Sound nichts zu meckern: Hier und da mal eine Grille, ein Vögelchen, ein Sportflugzeug, auch gerne mal ein Helikopter oder ein Düsenjet, der unsichtbar über Euch hinweg donnert. Das passt schon alles.

Fazit

Ihr wollt Golf? Ihr bekommt Golf! Nicht nur in seiner reinsten Form, sondern in vielen verschiedenen Varianten. Tiger Woods PGA Tour 11 wird nicht nur Golf-Fans begeistern – es ist auch in der Lage neue Anhänger zu finden. Das EA Tiburon-Entwicklerteam ist noch einen einen Schritt weiter gegangen, hat Spielspaß und Realismus noch weiter vertieft. Das einzige wirklich fette Minus im Spiel ist nach wie vor, dass man zwar während eines Turniertages beenden und speichern kann – den Speicherstand jedoch opfern muss, wenn man einen anderen Spielmodus startet oder mit Freunden spielen will. So spielt man im Endeffekt doch besser den Turniertag zu Ende, bevor man speichert – zudem man bei einem verworfenen Spielstand dummerweise das zuvor im Fokus-System ausgegebene Geld nicht zurück bekommt! Davon abgesehen bekommt man hier ganz großen Sport geboten! Sollte die Reihe das Niveau beibehalten und der Speichervorgang noch optimiert werden, dann wird’s nächstes auch was mit unserem Platin-Award!

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Packshot Tiger Woods PGA Tour 11

Tiger Woods PGA Tour 11

Release: 01.07.2010
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Entwickler:
Anzahl Spieler: 4
USK: