Testbericht: The Legend of Spyro: The Eternal Night

Spieler, die schon etwas länger im „Geschäft“ sind, haben es auf Nintendos Wii mitunter nicht leicht. Denn zwischen Chibbibuus Familyplayground und Roflrobos Partyfun©, lechzt der geneigte Spielefan nach anspruchsvoller Unterhaltung. Die wird mit The Legend of Spyro: The Eternal Night auch geboten, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn hinter der niedlichen Fassade des ehemaligen Sony-Zugpferds, verbirgt sich ein knallhartes Actionspiel der alten Schule – Düster und schwer. Wie das zu Spyro passt? Lest selbst…

Spyro, der System-Hopper

Wenn Exklusivtitel plötzlich zu Multiplattformern werden, ist das meist ein stiller Schrei nach besseren Verkäufen. In der Tat hat Spyro, der lilaste Drache der Welt, nach drei tollen Playstation1-Abenteuern nie mehr so richtig die Kurve gekriegt. Nachdem die diversen Ausflüge auf Gamecube, PS2, GBA und Nintendo DS mehr oder minder alle im Mittelfeld der Belanglosigkeit versanken, nahmen sich die australischen Krome-Studios der abmagernden Lizenz an, um ihr wieder zu alter Stärke zu verhelfen.
Das Ergebnis – The Legend of Spyro: A New Beginning – besann sich storymäßig auf die Wurzeln der Serie, krankte aber an kurzer Spielzeit und enttäuschte die Fans der Jump’n’Run-Vorgänger. Die Fortsetzung – The Eternal Night – ist nun auf Nintendos Wii erschienen, ein geplanter dritter Teil soll die Legend of Spyro-Trilogie komplettieren.
Spielerisch ist das Abenteuer der lila Echse ein astreiner PS2-Port, sowohl optisch, als auch spielerisch. Wer ein innovatives Spielgefühl erwartet, sollte lieber zu Samus‘ Abenteuer greifen, wer tolle Wii-Grafik sucht, der geht zum italienischen Klempner.
Spyro ist nicht wirklich neu und auch nicht sehr einfallsreich, aber Spyro hat ordentlich Wumms. Und das würdigt den Titel durchaus eines näheren Blickes.

To be continued…

Nach dem Start des Spiels folgt der erste große „Ahhh“-Effekt. Noch geblendet von der Quitschbuntichkeit der Verpackungsscreens, erwartet den Spieler ein atmosphärisches Hauptmenü mit waschechter „So-wünsch-ich-mir-das-nächste-Zelda“-Musik. Der Vorspann, der großspurig mit Namen wie Elijah Wood (Herr der Ringe) oder Gary Oldman (Air Force One) aufwartet, macht Lust auf mehr. Die Rahmenhandlung um das Schicksal des kleinen Drachen, der natürlich zu Höherem berufen ist, ist zwar nicht bahnbrechend, aber mehr, als man in diesem Genre sonst so häufig geboten bekommt. Das Gefühl einer Fortsetzung macht sich allerdings von der ersten Minute an breit, denn ohne jede Vorgeschichte knüpft das Geschehen fast framegenau an den Vorgänger an – das Intro beginnt mit dem Finale des ersten Teils. An sich kein Problem, doch da jedwede Erklärung fehlt, werden nicht wenige Spieler erstmal in die Röhre, respektive den Flatscreen gucken. Eine Einführung im Handbuch fehlt nämlich auch. Wer A New Beginning allerdings gespielt hat, fühlt sich sofort zuhause, denn Optik und Steuerung wurden nur minimal geändert (sieht man mal von den unterschiedlichen Gamepads ab).

Spyro hat zu Beginn des Spiels gerade den dunklen Drachen Cynder besiegt, der sich in ein kleines Drachenmädchen zurückverwandelt. Natürlich war die Dame vom Bösen besessen, ist an sich ganz lieb und wird auch prompt von Spyro gerettet. Wieder zurück im heimischen Drachentempel wird dieser allerdings von den Heerscharen des Affenkönigs Graul (oder auch Gaul, da ist sich das Spiel selbst nicht so sicher) angegriffen, Cynder macht sich aus dem Staub und Spyro muss mit seinem Libellenfreund Sparx die anderen Drachen warnen. Dazu kommen auch noch ständige Visionen, in denen „der Historiker“ die bevorstehende, ewige Nacht prophezeit und Spyro mit seinem Schicksal konfrontiert.

Klingt bis hierhin alles sehr ordentlich, sobald der Spieler die Kontrolle über den lila Lindwurm übernimmt, geht es auch gleich richtig zur Sache. Die ersten Gegner stürmen an, Feueratem und Schwanzschlag machen die Grillparty komplett. Im Großen und Ganzen besteht The Legend of Spyro zu rund 70% aus Kämpfen, die übrigen Rätsel oder Sprungeinlagen sind in der Regel recht banal. Wer aber schon in den ersten Auseinandersetzungen ins Gras beißt, sollte sich nicht wundern, nein, er hat soeben Kontakt mit dem größten Schwachpunkt von Spyros neusten Abenteuer gemacht. Das Spiel ist einfach richtig schwer – und zwar auf dreierlei Arten.
Erstens gibt es viele unfair designte Stellen, denn die Entwickler scheinen eine Vorliebe dafür zu haben, den Spieler bei Sprungeinlagen oder in Kämpfen durch aus der Entfernung schießende Gegner unter Druck zu setzen. Werdet Ihr beispielsweise von einem Spinnenschuss getroffen, klebt Spyro einige Augenblicke fest, welche die übrigen Gegner natürlich zum munteren Angriff nutzen. Steht dann auch noch die frei justierbare Kamera mal wieder ungünstig, ist es eigentlich auch schon vorbei.
Zweitens gibt es nie Hinweise auf die Schwachpunkte der kniffeligen Zwischengegner. Die zunächst frustrierend übermächtig erscheinenden Bosse sind zwar mit der richtigen Vorgehensweite stets gut zu besiegen, doch bis dahin sterbt Ihr tausend Trial & Error-Tode. Und nicht zuletzt sind die automatischen Speicherpunkte manchmal arg weit voneinander entfernt – und die Energieleiste unverschämt kurz. Zu allem Übel haben die Entwickler in einem Augenblick geistiger Umnachtung die wohl dämlichste Rücksetz-Funktion der Spielgeschichte erfunden. Stirbt Spyro, geht’s ab dem letzten Checkpoint weiter, so weit so gut. Allerdings lädt das Programm den Speicherstand nicht einfach neu, sondern setzt euch in der aktiven Spielwelt zurück, lediglich die Gesundheit wird aufgefüllt. Bereits eingesammelte Lebensenergiekristalle sind folglich weg. Wer also kurz vor dem virtuellen Tod eine der mächtigen Spezialattacken ausgeführt hat, blickt nach der Wiederbelebung verdutzt auf die leere Specialmove-Leiste. Die Gegner sind aber selbstverständlich in voller Stärke wieder da.

Wer sich mit derartigen Patzern aber erstmal abgefunden hat, für den geht’s dann weiter mit der Reise. Schließlich gilt es ein Schicksal zu erfüllen. Und die Kämpfe sind eigentlich zu cool, um jetzt schon vorschnell das Handtuch zu werfen.

Von Anfang bis Ende

Den Schwierigkeitsgrad außer Acht gelassen, machen es die Entwickler ihren Käufern zu Beginn trotzdem nicht leicht. Zwar versprüht Spyro dank guter Mimik und Animationen eine Menge Charme, doch das Abenteuer beginnt dummerweise mit dem langweiligsten Level des gesamten Spiels. Gut eine Stunde kämpft sich der kleine Drache durch düster-graue Höhlen und Gänge, liefert sich immer wieder Kämpfe mit riesigen Schnecken oder Spinnen. Die Motivation des Intros ist dahin, die Handlung stagniert und Spyro stirbt und stirbt und stirbt. An dieser Stelle sei zu erwähnen, dass der Autor dieser Zeilen durchaus auch andere schwere Titel gespielt hat, doch es gibt einen Unterschied, ob man nach dem Ableben den Fehler in den eigenen Fähigkeiten sucht, oder sich schlicht über eine unfaire Situation ärgert.

Am Ende der Höhlen trifft Spyro erstmals auf seinen Mentor Ignitus (Gary Oldman) und den ersten Zwischenboss. Die meisten dieser Kämpfe laufen im Stil der altehrwürdigen Arcadeshooter ab. Spyro bewegt sich nur nach links und rechts, mit dem C-Knopf des Nunchuck wird auf den Gegner in der Bildschirmmitte geballert – Jet Force Gemini lässt grüßen. Wii-Besitzer werden sich an diesen Stellen allerdings grün und blau ärgern, denn statt komfortabel per Pointer zu zielen, justiert Ihr die Höhe des Schusses durch unterschiedlich langes Drücken des C-Knopfes. Die horizontale Richtung des Feuerballs hängt dann von Spyros Standort ab – ein grausiges Zeugnis der Parallelentwicklung mit der PS2-Version.
Aber auch in diesen Kämpfen gilt: Übung mach den Meister, nur wer ständig geschickt nach links und rechts ausweicht, hat eine Chance.

Im weiteren Spielablauf wird diese Art zu kämpfen immer komplexer. Die Gegner attackieren euch mit unterschiedlichen Angriffen in schneller Folge, meist ist Spyro nicht in der Lage, im zweidimensionalen Raum der Bosskämpfe schnell genug auszuweichen. In diesen Fällen wird die Drachenzeit euer bester Freund.
Der lila Drache verfügt nämlich, wie fast jeder zweite Held in einem modernen Actionspiel – über eine Art Bullettime. Sehr praktisch bei Sprungeinlagen über bewegliche Plattformen und eben auch bei schwierigen Kämpfen.
Desweiteren lernt Ihr in jedem Kapitel eine neue Elementarkraft, die im Laufe des Spiels in drei Stufen aufgewertet werden kann. Regelmäßig kippt Spyro in Ohnmacht und findet sich in einer Zwischenwelt wieder. Hier lehrt ihn der ominöse Historiker ein neues Talent – und beeinflusst damit maßgeblich euer Angriffsportfolio,denn mit Erlangen der Eiskräfte in der zweiten Welt wird das Spiel mit einem Mal richtig gut. Die Kämpfe werden durch die Möglichkeit, Gegner einzufrieren, erheblich vereinfacht, die Kombination der einzelnen Elemente ermöglicht interessante Combos. So könnt ihr mit per Rammattacke in einen Gegnerpulk hineinstürmen, mit dem Rundumschlag die Widersacher vereisen, einen einzelnen Gegner darauf hin in die Luft schleudern und dort in Ruhe vermöbeln, abschließend ein Finishing-Kick und der arme Wicht fliegt davon – in extremer Zeitlupe und mit passender Kamerafahrt. Das ist nicht nur optisch gelungen, sondern macht auch den Großteil des Spielreizes aus.
Zu guter Letzt besitzt jedes der vier Elemente – Feuer, Eis, Elektrizität und Erde auch einen eigenen Spezialangriff. Habt ihr genügend Gegner besiegt und die so genannte Schwallleiste (?!) gefüllt, entfesselt Spyro durch gleichzeitiges Hochziehen von Remote und Nunchuk einen verheerenden Flächenangriff.
In einer dramatischen Sequenz steigt der kleine Drache empor, Flammen (oder eben das entsprechende Element) entzünden die Luft, der Bildschirm bebt, die Gegner werden davon geschleudert, Zeit und Akustik verlangsamen sich bis zum Extrem und die Kamera kreist stilvoll um das Geschehen. In diesen Momenten erreicht das Spiel die Ästhetik eines Matrix: Reloaded, als Neo sich in einer sehr ähnlichen Sequenz mit einer Stange gegen duzende Mr. Smith‘ erwehrt. In diesen Situationen macht The Legend of Spyro auch richtig viel Spaß und tröstet ein wenig über die vielen anderen Passagen hinweg, die den Spielfluss stören.

Technik

Aus technischer Seite ist das Spiel überwiegend grundsolide – was sehr schade ist, denn das fantasievolle Design hätte mehr zugelassen, nicht aber die Technik der Playstation 2, auf der die Grafik basiert. Während die Charaktermodelle ansehnlich und gut animiert sind, hätten die Umgebungen allerdings ein paar Polygone mehr vertragen können. Auch die Texturen befinden sich nur auf durchschnittlichem PS2-Niveau, Leckereien wie Bump-, Normal- oder Specularmapping sucht man vergebens. Dafür wissen viele Effekte zu gefallen, die bildschirmfüllenden Spezialattacken erfreuen das Auge. Insbesondere das Feuer, des Drachen liebstes Element, sieht glaubwürdig aus. Wer einen HD-Fernseher besitzt, darf sich über 480p Unterstützung und 16:9 freuen.
Über den Kamm geschert tut die Optik aufgrund ihres stimmigen Stils also niemandem weh, ist aber weit davon entfernt, die technischen Möglichkeiten der Wii auszureizen.
Viel besser sieht es da schon beim Sound aus. Die Melodien des Spiels sind stets passend, mal subtil, mal richtig dramatisch und stellenweise sogar echte Ohrwürmer. Zu den teils Herr der Ringe-tauglichen Orchesterhymnen machen die Kämpfe dann gleich doppelt Laune. Apropos Herr der Ringe: Auch in der deutschen Fassung konnte wieder der bekannte Synchronsprecher von Elijah Wood verpflichtet werden. Spyro spricht also wie Frodo. Auch die Stimmen von Spyros ständigem Begleiter Sparx sowie Ignitus überzeugen, so mancher Nebendarsteller könnte allerdings besser besetzt sein. Leider wirken die Sprecher oft etwas zu dumpf um den Szenen einen glaubhaften, räumlichen Eindruck zu verleihen. In den steinernen Höhlen etwa wäre ein leichter Hall in der Stimme angebracht, der mysteriöse Historiker, der stets nur aus einer Art Geisterwelt spricht, klingt zudem als hätte er seinen Socken übers Mikro gezogen.
Dass die Sprachausgabe auch alles andere als lippensynchron ist, kann man dafür noch verschmerzen.

Steuerung

Wer die Spielverpackung genau studiert, stellt fest, dass The Legend of Spyro: The Eternal Night alternativ mit dem Classic-Controller gespielt werden kann. Damit ist im Prinzip auch schon alles gesagt, von innovativer Bewegungssteuerung fehlt hier (fast) jede Spur. Die wenigen Aktionen, für die man die Sensoren benötigt, beschränken sich auf Kampfhandlungen. Schütteln der Remote löst eine Attacke aus, das selbe macht der B-Knopf allerdings auch – mit dem Vorteil, dass der Arm auch eine Stunde später noch dran ist, denn es wird sehr, sehr viel gekämpft. Hochziehen der Wiimote schleudert einen Gegner in die Luft, eine Abwärtsbewegung im Sprung lässt Spyro eine Stampfattacke ausführen. Aber nur, wenn die Bewegung sauber ausgeführt wird, denn das Spiel unterscheidet penibel zwischen vertikalen und horizontalen Schwingungen der Wiimote.

Für sonstige Aktionen, Rätsel, etc. wird die Sensortechnik allerdings nicht benötigt. Primär- und Sekundärangriffe werden über B und Z ausgelöst, C setzt die Elementarangriffe ein, + und – werden für die Auswahl der Kräfte bzw. zur Aktivierung der Drachenzeit benutzt und das Steuerkreuz regelt die Kamera. Auch wenn Letztere in Kämpfen durchaus etwas dynamischer sein könnte und meist manuell nachgeregelt werden muss, funktioniert die Steuerung im Grunde recht ordentlich.

Fazit

Kaum ein Titel hat mich in letzter Zeit so hin- und hergerissen wie The Legend of Spyro: The Eternal Night. Ich will das Spiel wirklich mögen, der kleine Drache ist sympathisch, mit Frodos Stimme gleich noch mehr. Die Kämpfe können sehr cool sein, wenn man nicht stirbt und die Musik sorgt für eine angenehme Atmosphäre. Aber das Spiel macht auch soviel falsch. Der Schwierigkeitsgrad frustriert an vielen Stellen, das Gameplay außerhalb der Kämpfe ist altbacken (rhythmisch ausstoßenden Dampfstahlen ausweichen) und es fehlt jedwede Innovation oder Individualität.
Ein solides Actionspiel mit nettem Helden und passablem Plot, der allerdings kaum mehr als ein Selbstzweck ist, um den Spieler von einer austauschbaren Welt in die nächste zu schicken. Ein ständiges Wechselspiel von Motivation und Frustration, welches nach acht bis zehn Stunden seinen Höhepunkt findet und jedem selbst überlässt, ob man sich den dritten Teil auch antun möchte.
Coregamer der alten Schule, die noch darin geübt sind, gegnerische Angriffsmuster immer und immer wieder auswendig zu lernen und den Feind so zu besiegen, können einen Blick auf den Titel riskieren und werden dafür mit tollen, teils etwas hektischen Kämpfen belohnt. Anfänger und Genreneulinge werden sich an Spyro dafür die Zähne ausbeißen.
Das Spiel ist nie durchweg schlecht, aber auch nie über längere Zeit gut. Ein dauerhaftes Hin und Her, das letztendlich – wie auch die Vorgänger – seinen Platz im Mittelmaß findet.

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