Testbericht: Sonic Riders: Zero Gravity

Was lange währt wird endlich gut?! Nach einem ganzen Jahr Flaute schmeißt Sega kurz nach Donkey Kongs Rennspieldebüt ebenfalls einen Funracer auf den Markt der Pre-Mario-Kart-Ära. Nachdem das letzte gute Sonic-Jump´n´Run mittlerweile Äonen zurückliegt, hat sich der Igel in der Zwischenzeit in unzähligen Genres ausgetobt – meist ohne so richtig Fuß fassen zu können. Ob die neueste Raserei auf Nintendos Wii dem großen Namen gerecht wird, oder der Igel mittlerweile seine Stacheln verloren hat, erfahrt Ihr in den folgenden Zeilen.

Sonic’s my name, speed is my game

Ach was waren das noch für Zeiten als Sony an seinen Walkmans geschraubt hat, Microsoft am ersten Internet Explorer tüftelte und in der Konsolenwelt zwei Megastars um die Gunst der Käufer buhlten. Mario und Sonic, zwei Erzfeinde und die Maskottchen der beiden großen Videospielkonzerne ihrer Zeit. Nun, das ist längst geschriebene Geschichte und den Untergang eines der beiden Konsolenherstellers haben die Fans nur allzu wehmütig verfolgt. Seit dem Ausstieg Segas aus dem Heimkonsolenmarkt erhielt Igel Sonic auch auf anderen Konsolen die Lizenz zum Rasen und der ehemalige Rivale Nintendo hat sich mittlerweile zum guten Freund entwickelt. So erschien 2006 der Funracer Sonic Riders unter anderem auch für den Gamecube, wertungstechnisch kam man allerdings nicht über das obere Mittelfeld hinaus. Mit Zero Gravity soll es nun der zweite Versuch bringen. Sega hat ein ordentlich umfangreiches Gesamtpaket geschnürt, das auf den ersten Blick kaum Wünsche offen lässt. Gelingt diesmal der erste Platz?

Supersonic

Sonic Riders: Zero Gravity ist im Herzen ein klassischer Funracer. Der Spieler heizt als einer der bekannten Sonic-Charaktere auf so genannten Extrem Gears (quasi fliegende Skateboards) durch Städte und Landschaften, sammelt Ringe, Items und Power-Ups und versucht als erster durchs Ziel zu rauschen. Gerast wird neben dem freien Rennen auch im Überlebensmodus sowie der Story-Kampagne. Außerdem unterstützt der Titel die Nintendo Wi-Fi Connection, entpuppt sich hier allerdings als riesige Mogelpackung, doch dazu später mehr.
Thematisch geht es dieses Mal um den Angriff einer riesigen Roboterarmee auf Sonics Heimatstadt. Zufälligerweise fiel am Vorabend nämlich ein Stück eines Meteoriten vom Himmel und Sonics Kumpel Tails direkt in die Hände. Dass die Blechbüchsen es nun darauf abgesehen haben, wird schnell klar. Auch, dass hinter der Roboterproduktion ausgerechnet die Firma Meteotech (!) steckt, macht das dramaturgische Glück perfekt. Die Story ist dabei ungefähr so innovativ wie nasse Milchbrötchen in einer lauen Sommernacht. Dafür wissen die extrem schicken Rendersequenzen zu gefallen und machen ab Spielstart Lust auf mehr. Zwar gibt es nur insgesamt drei dieser CGI-Filme, dafür bietet das Spiel nach jeder Mission nette Zwischensequenzen in Ingame-Qualität. Keine Selbstverständlichkeit in einem Rennspiel. Um den Angriff der Roboter aufzuklären, machen sich Sonic, Tails, Knuckles, Amy und Co auf den Weg in Richtung Meteotech. Und natürlich hat im Laufe der Reise auch der fiese Dr. Eggman, früher bekannt unter dem wesentlich cooleren Titel Ivo Robotnik, mehr und mehr seine Finger im Spiel.

Spielerisch gestaltet sich das Ganze so, dass ihr Mission für Mission vor Robotern flüchtet, gegen Roboter kämpft, vor den Babylon Rogues (einer Diebesbande) flüchtet oder auch ohne vor jemandem zu flüchten einfach nur so den ersten Platz erreichen müsst. Die einzelnen Missionen sind optisch abwechslungsreich und reichen vom High-Tech der Innenstadt bis hin zu idyllischen Waldgebieten. Wie zu erwarten, ist die Integration der Handlung ins Gameplay aber eher dürftig ausgefallen, im Endeffekt geht es stets einfach nur darum als erster durchs Ziel zu gelangen. Doch das ist gar nicht so einfach. Zum Einen fahren eure KI-Gegner einen äußerst fehlerfreien Stil, zum Anderen ist die Beherrschung der Strecke kein Zuckerschlecken. Und zu guter Letzt ist die Grafik so fetzig und bunt ausgefallen, dass man teilweise vor lauter Details tatsächlich den Überblick verliert. Zur Belohnung für absolvierte Missionen werden natürlich neue Strecken und nach und nach auch neue spielbare Charaktere freigeschaltet. Letztere unterscheiden sich in klassischen Attributen wie Beschleunigung, Höchstgeschwindigkeit oder Kurvenlage, was sich auch während der Rennen bemerkbar macht. Außerdem gibt’s auf jeder Strecke massenhaft Ringe einzusammeln, mit denen anschließend in einem Shop neue und bessere Gears erworben werden können. Und nicht zuletzt füllt sich mit zunehmendem Spielfortschritt auch die Film- und Audiodatenbank im Hauptmenü. Hier können dann alle Musikstücke und Renderfilme jederzeit noch einmal angehört, bzw. -geschaut werden.

Wer keine Lust auf die Meteoritenstory hat, kann sich natürlich auch in den freien Spielmodi austoben. Klassische Rennen können gegen die KI, bis zu drei Mitspieler oder die Uhr gefahren werden. Gerade mit Freunden macht die Sache richtig Laune, denn die KI-Kollegen glänzen doch überwiegend durch Abwesenheit – entweder sind sie meilenweit vor oder hinter euch. Die Multiplayerduelle sind packend und motivieren auch über längere Zeit, zumal es auf vielen Strecken versteckte Abkürzungen zu finden gibt. Allerdings sollten ohnehin alle Spieler die Strecken mindestens einmal Probe fahren, denn egal ob in der Kampagne oder dem freien Spiel, Sonic Riders verlangt viel „Trial&Error“. Auf den meisten Strecken ist die Ideallinie nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich, manche Kurven sind plötzlich derart scharf, dass sie bei normalem Tempo unweigerlich an der Wand enden. Wer eine Strecke auf Anhieb meistert darf zu Recht stolz auf sich sein. Allerdings gibt Sega dem Spieler hier eine nette kleine Hilfe an die Hand, die so genannte Gravitationssteuerung. Per Druck auf die 1-Taste verlangsamt sich die Zeit für einen Augenblick fast bis auf Null, eure Figur schwebt frei im Raum und kann ebenso frei in eine beliebige Richtung um die eigene Achse gedreht werden. Lasst Ihr die Taste los, jagt euer Rider mit einem kleinen extra Schub wieder davon. Mit dieser Technik können selbst die engsten Kurven problemlos genommen werden – vorausgesetzt man erkennt sie rechtzeitig.
Und zu guter Letzt gibt es noch den Überlebensmodus. Der klingt zwar etwas reißerisch, verbirgt aber die drei interessantesten Disziplinen von Sonic Riders. Überlebens-Staffel und Überlebens-Ball sind witzige Abwandlungen von Staffellauf und Fußball, hinter Überlebens-Kampf verbirgt sich eine Art Battlemode, bei dem die Gegner mit Hilfe der Items dem Erdboden gleichgemacht werden müssen. All diese Modi lassen sich vorbildlich mit bis zu vier Teilnehmern spielen und motivieren für einige ausgelassene Abende.

Dreamcast

Eine wahre Traumbesetzung ist mit der Technik des Spiels gelungen. Obwohl Sonic auf Nintendos Wii keine Maßstäbe setzt, gehört der Funracer zweifellos zu den ansehnlicheren Titeln und dürfte sich ohne Probleme auch gegen das kommende Mario Kart behaupten können. Die meisten Strecken gefallen durch abwechslungsreiche Architektur und knallbunte Texturen, die Effekte sind spektakulär, die Wasserspiegelungen geradezu herrlich. Obwohl im Kern des Programms dieselbe Engine wie beim Vorgänger werkelt, hat Sega die Texturauflösung erhöht und der technisch stärkeren Wii-Fassung zusätzliche Details spendiert. Eine Unterstützung des 480p EDTV-Modus und Dolby Pro Logic 2 gehört mittlerweile ohnehin zum guten Ton.
Apropos Ton, auch hier ließ sich Sega nicht lumpen. Anders als bei Sonic und die Geheimen Ringe passt die typische, elektrorockige Hintergrundmusik auf den Rennstrecken gut zum Geschehen. Jede Location hat ihr eigenes Thema und hier und da sind sogar orchestrale Elemente eingebaut. Die Sprachausgabe gibt’s mal wieder nur auf Englisch und mit den bekannten, wenn auch berüchtigten Stimmen. Wer sich mit Sonics Besserwisserei und Tails Gequieke bisher noch nicht anfreunden konnte, wird das auch jetzt nicht tun, alle anderen erwartet die bekannte Kost gewohntem Niveau.

Argh, wo ist mein Gamepad?

In puncto Steuerung bietet euch Sega die Wahl aus drei verschiedenen Varianten, zwei bewegungsempfindliche und die Nutzung des Gamecube-Controllers. Der Classic-Controller wird kurioserweise nicht unterstützt. Doch wie schon viele Rennspiel zuvor scheitert Sonic Riders an einer schwammigen und wenig gefühlvollen Steuerung. Ruckartige Manöver sind kaum möglich, da die Spielfigur stets den Eindruck erweckt, um einige Augenblicke nachzuhängen. Bei Verwendung des Gamecube-Pads sieht die Sache schon ganz anders aus. Der Analogstick erweist sich hier klar als die gefühlvollere Eingabemethode und macht Zero Gravity problemlos spielbar. Es sei zu erwähnen, dass auch in diesem Test die meiste Zeit per Gamepad gespielt wurde, da die ungenaue Sensorsteuerung einfach weit weniger Spielspaß aufkommen lässt. Die Bedienung selbst ist mehr als simpel. Beschleunigt wird weitestgehend automatisch, neben der Lenkung wird eigentlich nur ein Knopf zum Springen, einer für den Item-Einsatz und ein weiterer zur Gravitationssteuerung benötigt.

Das blaue Paradoxon

Der schnellste Igel der Welt … geht das eigentlich? Also ein Igel und schnell, das ist doch ein absoluter Widerspruch. Und ein Spiel mit dem beliebten Wi-Fi Logo aber ohne Online-Modus? Geht das denn? Eigentlich auch ein Widerspruch. Auf den ersten Blick möchte man nämlich tatsächlich annehmen, Sonic Riders sei per Internet miteinander spielbar. Doch wer nach dem entsprechenden Menüpunkt sucht wird nur den Button „Weltrangliste“ finden, dessen Sinn den unseres eingangs erwähnten, nassen Milchbrötchens noch unterschreitet. Diese Funktion erlaubt es euch nämlich eure Bestzeiten aus dem Modus „Gegen die Uhr“ online mit anderen abzugleichen und gegen die Geistdaten anderer Spieler zu fahren. Das motiviert nicht wirklich lang und ist keinesfalls als Ersatz für richtiges Internetspiel zu sehen.

Lokal ist der Spaß also auf vier Teilnehmer begrenzt und funktioniert auch recht ordentlich, sofern genügend Gamecube-Controller zur Verfügung stehen, denn im direkten Vergleich haben die Spieler per Wiimote weit schlechtere Chancen. Aufgrund der netten Items und Abkürzungen motivieren die gemeinsamen Rennen durchaus eine Weile, sind aber auf längere Sicht einfach nur nett, nicht aber so gut designt wie bei Konkurrent Mario Kart.

Fazit

Wie schlägt er sich nun, der blaue Igel? In der Tat ist diese Frage nicht ganz einfach zu beantworten und hängt zudem vom persönlichen Geschmack ab. Aufmerksame Leser werden in diesem Artikel einige Male das Wort nett gefunden haben, denn das trifft es eigentlich am besten. Sonic Riders: Zero Gravity ist einfach ein nettes Spiel. Es bietet knallbunte Grafik, guten Sound, passable Missionen, einen lokal gut spielbaren Multiplayer und eine ganze Reihe Freispielbares. Allerdings bewegen sich weder Spielbarkeit, noch Spieldesign auf wirklich sehr gutem Niveau. Ausgefallene Ideen gibt es nicht wirklich, spielerisch ähneln sich zudem viele Strecken. Die Sensorsteuerung ist ungenau und die Onlinefunktion viel zu beschränkt.
Wer auf Funracer steht und gern Freunde zu sich einlädt, wird glücklich. Solospieler, die nicht unbedingt Fans des Sega-Universums sind, riskieren möglicherweise einen Fehlkauf – ein Probespielen ist empfehlenswert.

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