Testbericht: Madden NFL 09 All-Play

Würde der amerikanische Footballkommentator John Madden nicht ohnehin unter dezentem Übergewicht leiden, so hätte er zumindest eine vor Stolz geschwollene Brust. Denn jährlich widmet EA Sports dem Ex-Spieler und Trainer den neuesten Teil ihrer „Madden NFL“-Serie. Version 09 erlaubt sich für die Wii-Fassung einige Neuerungen – und haucht dem Gameplay damit frischen Wind ein.

Rundes Ei

Die Sportarten Fußball, Basketball, Golf, Eishockey und Football haben genau zwei Dinge gemeinsam. Zum einen drischt man stets auf ein mehr oder weniger rundes Objekt ein, zum anderen veröffentlicht Electronic Arts zu diesen Disziplinen jedes Jahr ein neues Spiel. Madden NFL darf dabei allerdings eine Besonderheit für sich verbuchen: Jedes Jahr ist es aufs Neue die meistverkaufte Spielserie in den USA. Warum? Vielleicht, weil die Amis das eher rustikale Spielprinzip lieben, wie die Deutschen den Fußball. Vielleicht auch, weil sie die Spielbarkeit begeistert, oder aber weil in Amerika Konsolensport ohnehin gut läuft. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem, auch wenn der Serie – wie bei ihren EA Sports-Kollegen – über die Jahre hinweg die Innovation flöten ging.
Mit Einführung der Wii setzte auch Madden NFL auf ein neues Steuerungskonzept, das in den bisher erschienenen Vorgängern bereits gut aufging. Spätestens Pro Evolution Soccer zeigte aber, in welche Richtung sich taktischer Videospielsport entwickeln kann – und weil gute Kopie manchmal besser ist als schlechte Innovation, darf nun auch in Madden NFL 09 wild mit Pfeilen und Linien hantiert werden. Zwar etwas anders als bei Konami, aber mit ähnlicher Wirkung. Mehr Planung, mehr Kontrolle – und damit mehr Spaß.

Feste druff

Wer nicht direkt mit der Materie zu tun hat, wird sich hierzulande erst mal in die Regeln des American Football einarbeiten müssen. Denn tatsächlich bietet das Spiel mehr als das bekannte „Alle auf den Typen mit dem Ei!“. Dass das komplette Spiel dann aber auch in der deutschen Version traditionell auf Englisch ist, macht den Einstieg nicht unbedingt leichter. Also Handbuch durchgewühlt, Disk eingeschoben und los geht’s!
EA geht auf Wii in diesem Jahr andere Wege. Denn neben der erweiterten Steuerung findet sich im Hauptmenü auch ein neuer 5 gegen 5 Spielmodus, der in dieser Form nur in der Nintendo-Version existiert. Doch statt Realismus tummeln sich hier großköpfige Knuddelspieler auf dem Feld, statt Taktik herrscht ein stark vereinfachtes Gameplay, das mit wenigen Aktionen der Remote zu meistern ist. Panik? Falsches Spiel? Schnell ein Blick auf das Packungscover – Madden NFL 09, hm, darunter steht All-Play. Ohoh, hat sich hier etwa das grassierende Casual-Virus eingeschlichen, von den Programmieren Besitz ergriffen und die Serie ruiniert? „Calm down, boy“ – wie der übergewichtige Football-Quarterback mit Snickersriegel in der Hand sagen würde. Alles halb so wild. Fassen wir einfach kurz zusammen.
Die Wii ist klein weiß und jeder kapiert wie´s funktioniert. Klar. Auch die Oma des Quarterbacks will heutzutage Wii spielen, weil sie in der Werbung gesehen hat, dass das so lustig ist. Klar. Ergo wird die Wii von extrem vielen Leuten genutzt, die nicht nur keine Ahnung von Videospielen haben, sondern denen es auch an den motorischen Fertigkeiten mangelt, ein anspruchsvolles Spiel zu meisten. Klar. Problem: Diese Käuferschicht ist äußerst finanzkräftig. Also hat EA seinem neuesten Madden (wie etwa auch FIFA 09) ein zweites Spielgerüst verpasst, den Namen mit All-Play untertitelt und das Cover freundlicher gestaltet. Der Hintergedanke: Neben dem eigentlichen Hauptspiel befindet sich nun auch eine leicht zu meisternde Simpelvariante der Footballsimulation im Gepäck, die eben auch von der Oma oder dem Typen mit Snickersriegel bewältigt werden kann. Das Schöne daran: Dem eigentlichen Spiel tut das keinen Abbruch, denn Madden NFL 09 enthält alle regulären Modi plus neuer Online-Funktion.

Doch kommen wir gleich zu den Neuerungen. Beim 5v5 Modus stehen sich 10 Spieler auf dem Feld gegenüber. EA reduziert dabei die gesamte Bedienung auf die Remote, die damit sehr simpel und eingängig, aber auch wenig tiefsinnig von der Hand geht. Der Clou: In dieser Variante können sowohl Spieler mit All-Play Steuerung, als auch Verfechter der klassischen Remote-Nunchuk-Steuerung gegeneinander antreten. Die Steuerung ist dabei durchaus ausgeglichen, friedliebende Casualgamer werden jedoch gegen einen erfahreneren Sport-Konsolero dennoch kaum eine Chance haben. Trotzdem ein gelungener Ansatz, der zumindest kurzzeitig auch gestandenen Spielern Spaß bringt – und als Zusatzinhalt auch nicht wirklich weh tut.

Abgesehen vom 5 gegen 5 bietet das neueste Madden mehr vom Gleichen. Wie üblich hat EA die Lizenzen der nordamerikanischen NFL aktualisiert, zudem ist es auch möglich mit Retro-Aufstellungen der letzten 20-Jahre zu spielen – inklusive alter Mannschaftslogos. Eine nette Idee, für Otto-Normal-Europäer aber ohne wirklichen Nutzen. Darüber hinaus war alles schon mal da. Franchise, NFL Superstar, die üblichen Cups und Ligen finden sich auch in der 2009er Auflage – machen aber nach wie vor Spaß. Auf dem Spielfeld selbst fallen die Neuerungen dann schon eher ins Auge. Abgesehen davon, dass dank der leidigen Mii-Integration überall nur ein stilisierter Comic-Madden zu sehen ist und euer eigenes Mii (bei mir Obi-Wan) an allen Ecken und Enden grinst, hat EA Sports dem Spiel eine dezente, aber doch sichtbare Aufhübschung verpasst. Insbesondere die Spielermodelle profitieren von der deutlich besseren Ausleuchtung und höheren Polygonzahl.

Während sich am reinen Gameplay natürlich nichts geändert hat – noch immer geht es darum mit Snaps, Power-Moves oder Break-Tackles das Ei hinter die gegnerische Linie zu bringen – feiert ein neues, und wahrlich spielbereicherndes Element seinen Einzug. Der „Call Your Shots“-Modus. Und der funktioniert so:
Steht ihr zu Beginn eines Spielzugs auf dem Feld, kann nun mittels des A-Knopfs in eine Art Strategiemodus gewechselt. Per Wii-Pointer wählt Ihr eure Mannen aus und malt ihnen Wegpunkte auf den Rasen. Das kann für beliebig viele Spiele geschehen und auch die Routen können schnurrgerade oder verzweigt sein. Seid Ihr zufrieden, beginnt mit dem Snap (also dem Abschuss) ganz normal das Spiel – nur dass eure Mannschaft nun eben genau das macht, was zuvor festgelegt wurde. Eine simple, aber wahrlich geniale Idee, die zu immer neuem tüfteln und ausprobieren anregt, stets ermutigt, die bisherige Taktik nochmal zu verbessern, daran zu feilen. Die ohnehin recht ordentlichen KI-Läufer werden somit nochmals effizienter und es entsteht das Gefühl, wirklich ein ganzes Team zu spielen. Herrlich.
Schade nur, dass „Call Your Shots“ nicht jederzeit aufgerufen werden kann, um beispielsweise mitten in einem Spielzug nochmal die Laufwege zu ändern. Damit wäre das Rasenerlebnis dann wohl nahezu perfekt gewesen.

Aber auch so macht die Rauferei um das Ei einen Heidenspaß, man merkt deutlich, dass die Entwickler es verstehen, die Möglichkeiten der Wii zu nutzen – ausnahmsweise auch mal technisch. Viele nette Details regen zum schmunzeln an, so könnt Ihr etwa nach einem Touchdown durch wildes Herumgefuchtel der Controller euren Quarterback selbst jubeln und tanzen lassen. Die zahlreichen Spielzüge und Manöver gehen zudem locker von der Hand, die Ligen motivieren für Wochen und wer dem amerikanischen Football nicht abgeneigt ist, findet hier sein El-Dorado.

Alles im Griff

Ein Vor- oder auch Nachteil der EA-Sports Serien ist, dass stets nur Feinschliff betrieben wird – die Spiele im Kern aber gleich bleiben. Mit dem Wii-Debüt Madden NFL 07 landeten die Entwickler gleich einen Volltreffer, was die Steuerung betrifft. Aktionen wurden über sinnvolle Bewegungen der Remote ausgeführt, statt einfach nur zu fuchteln. Für einen Snap schwingt man lediglich die Fernbedienung nach oben, zum Passen nach unten. Wer in der Defense einen Ball fangen will, schwingt beide Hände nach oben. Eine gewisse Toleranz in der Bewegungserkennung sorgt dafür, dass auch hektisch ausgeführte Manöver in der Regel reibungslos funktionieren.
Defense und Offense zusammengerechnet können mehrere Duzend Aktionen ausgeführt werden – was natürlich einige Augenblicke an Eingewöhnung verlangt. Alles in allem ist die Bedienung gewohnt komplex und bietet den nötigen Tiefgang, dank „Call Your Shots“ mehr denn je.

Hübsch hässlich

Technisch stellt Madden NFL 09 einen der seltenen Fälle da, in denen man nicht von durchschnittlichem oder gehobenen PS2 Niveau reden muss, in denen keine Vergleiche zu mittelmäßigen Gamecube-Spielen zu ziehen sind – nein, der Titel sieht richtig gut aus. Die Spieler sind deutlich detailierter und gewohnt geschmeidig animiert. Wenn sich eure meist übergewichtigen Sportler auf dem Feld gegenseitig über den Haufen rennen, ist es eine wahre Freude, dabei zuzusehen. Nichts geändert wurde dagegen beim Publikum. Anscheinend ist es eine ungeschriebene EA-Regel, dass die Stadionzuschauer immer das visuelle Schlusslicht der Sportspiele bilden müssen. Dabei hat schon Mario Strikers mit seinen gerenderten Zuschauern gezeigt, dass die Stadiontotale alles andere als hässlich sein muss. Doch dank toll modellierter Stadien, hübscher Texturen und guter Beleuchtung, lässt sich über das Pixelpublikum noch einmal hinwegsehen.

Kaum neues, aber auch kaum schlechtes gibt es an der akustischen Front. Hier spielt EA Sports seine gewohnte Stärke aus und zaubert ein glaubwürdiges und zugleich atmosphärisch tiefes Klangbild. Die Fangesänge machen Laune, die Spieler beim Zusammenstoß ordentlich wumms. Die (englischen) Stadionsprecher sind immer für einen Spruch gut und kommentieren meist passend. Allerdings scheint man sich hier auch Arbeit gespart zu haben, denn viele Sätze klingen 1:1 wie in der 08er Auflage. Wirklich schlimm ist das nicht, hinterlässt aber den faden Beigeschmack von Recycling-Kost.

Die weite, weite Welt

Yeah, ein Online-Modus. Und was für einer. Was mussten Wii-Spieler nicht alles ertragen… Geteilte Bildschirme in Zeiten des Internets, komplizierte Freundescodes, schwache Server und faule Ausreden über die dadurch angestrebte Sicherheit im Onlinespiel.
EA macht damit reinen Tisch. Über eine waschechte Online-Lobby können problemlos Gegner gefunden und Partien gestartet werden – nach einer Registrierung bei EA stehen anschließend auch umfangreiche Spielstatistiken bereit. Das reine Spiel krankt zwar gelegentlich an Lags und Verbindungseinbrüchen, diese halten sich aber in vertretbaren Grenzen. Chatten funktioniert dagegen nur mit vorgefertigten Standartfloskeln – aber besser als gar nicht.

Natürlich könnt Ihr auch bis zu drei Freunde vor die Konsole holen und lokal gegeneinander antreten, der klassische Vier-Spieler-Modus funktioniert wie eh und je und sorgt zusammen mit einer Kiste Bier für radikal-lustige Spielpartien.

Fazit

Erinnert Ihr euch noch an die Snickerswerbung mit dem umgerannten Quarterback, der sich für Batman hielt? Dieser lustige Fernsehspot war das letzte Mal, dass ich im Zusammenhang mit Football so etwas wie Spaß erlebt hatte, da mich die uramerikanische Rasenrauferei ansonsten einen feuchten Lufthauch interessiert.
Doch Madden NFL 09 macht trotzdem Laune, packt trotzdem auch Sportmuffel und motiviert zum weiterspielen, stets auf der Suche nach der besten Spieltaktik. Denn der Eierlauf macht einfach vieles richtig, von der reibungslosen Steuerung über die aufpolierte Grafik, bis hin zum unkomplizierten Online-Modus. Ohne wenn und aber erlebe ich hier schnörkellosen Football.
Allerdings halten sich die Erneuerungen EA-typisch natürlich in Grenzen, zumal viele Verbesserungen sicher noch nicht am Limit der Innovation kratzen. So hat sich etwa bei den Spielmodi im Vergleich zum Vorjahr nahezu überhaupt nichts getan, der 5v5 All-Play-Modus ist ein netter Zusatz, für den alteingesessenen Spieler aber kein Kaufgrund.
Wer aber noch nicht Besitzer einer der Vorjahresversionen ist und mit dem rustikalen Sport liebäugelt, der bekommt mit Madden NFL 09 lupenreinen und toll spielbaren Football.

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