Testbericht: Fritz

Jahrhundertelang galt es als das Spiel er Könige. Das Spiel, in dem große Feldherren ihre Strategien gegeneinander auf die Probe stellten. Heutzutage kann fast jeder Schach spielen … doch könnt ihr es auch meistern? „Fritz“ von Deep Silver für Wii stellt euch auf die Probe. Wie viel Spaß macht der stärkste Schachcomputer der Welt?

Schachbumm

Kenner des Spiels werden ihn vielleicht kennen, den Russen Garri Kasparow, ehemaliger Schachweltmeister und gemeinhin als bester Spieler der Welt bekannt. Nun – eigentlich dürfte er ja nur der Zweitbeste sein, denn zweimal musste sich der Großmeister im Spiel der Könige geschlagen geben. Und zwar dem Schachprogramm Chessbase, das ebenfalls als Bestes seiner Art gilt. Verständlich also, dass die traditionsreiche Fritz-Reihe seit jeher auf der Chessbase-Engine basiert und damit als Garant für anspruchsvolle Schachpartien gilt. Und da Brettspiele auf der Wii schon lange keine Seltenheit mehr sind, verwundert es nicht, dass Publisher Koch Media nun eine passende Version für Nintendos Toaster auf den Markt schmeißt. Doch lohnt sich die Investition von 30€ oder macht der Titel in Originalform auf dem Brett mehr Spaß?

Für Kinder und Könige

Frit für die Wii schnürt ein ganzes Bündel unterschiedlicher Modi und Spieloptionen zusammen, die das klassische Schachspiel um viele Facetten erweitern. Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem sogenannten Abenteuermodus – einer Art Single-Player-Kampagne im Schach-Universum. Tatsächlich hat Deep Silver sogar so etwas wie eine Story entworfen, die in einer mittelalterlichen Burg angesiedelt ist. Im Laufe des Spiels trefft ihr auf die unterschiedlichsten Gestalten, die euch meist ihre Hilfe nur dann anbieten, wenn ihr sie in einer Partie ihres Lieblingsspiels besiegt. Und am Ende steht ihr gar dem schwarzen König gegenüber, der – wer hätte es gedacht – ebenfalls nur Schach spielen will. Zugegeben, das klingt jetzt ziemlich an den Haaren herbei gezogen, aber etwas anderes braucht man bei einer Brettspielumsetzung eigentlich auch wirklich nicht zu erwarten. Immerhin kann dieser Modus durchaus für einige Stunden unterhalten, was allerdings weniger an den eigentlichen Qualitäten der Kampagne, sondern natürlich eher an den Grundmechanismen des Schachspiels liegt. In dieser Hinsicht leistet sich Fritz erwartungsgemäß kaum Patzer, was nach über zehn Vorgängern für die verschiedensten Plattformen auch nicht wirklich überrascht.

Neben dem Abenteuermodus steht euch natürlich auch das klassische Standardspiel gegen den Computer oder einen Mitspieler zu Verfügung, hier können zudem zahlreiche Spieloptionen beeinflusst werden. Ob Spieltipps, Hilfslinien oder Zeitlimits, die meisten Regeln lassen sich den persönlichen Bedürfnissen anpassen. Darüber hinaus werden noch vier weitere Spielvarianten geboten, konkret handelt es sich dabei um „Schach 960″, „Give away Schach“, „Schach Puzzle“ und „Set up position“. Erfahrende Schachspieler werden die Modi vielleicht schon aus echten Partien kennen, allen anderen bietet sich hierbei die Möglichkeit, das Spiel der Könige mal von einer ganz anderen Seite zu erleben. Bei „Give away Schach“ gewinnt z.B. der Spieler, der zuerst alle Figuren verloren hat – „Set up position“ verteilt die Figuren dagegen wild auf dem Spielbrett bevor es losgeht. Zu diesen sechs Grundvarianten gibt es darüber hinaus dann noch die Option, rund 2.000 der bekanntesten Schachpartien nachzuspielen. Für Profis sicher reizvoll – der Laie hat davon allerdings auch nicht mehr, als von einer normalen Runde.

Nichtsdestotrotz bietet Fritz für eine Brettspielumsetzung aber genug Umfang, um Schachinteressierte für Wochen zu unterhalten. Zudem lassen sich auch die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten wunderbar verfeinern, denn die Chessbase-Engine agiert auf Wunsch wie ein echter Profi. In niedrigem Schwierigkeitsgrad haben dagegen auch Einsteiger gute Chancen, den Computer zu besiegen. Und wer sich überhaupt nicht sicher ist, aktiviert einfach den Freundemodus, in dem das Spiel versucht, sich an eure jeweilige Spielweise anzupassen.
Wer dann irgendwann genug vom Computer hat, oder seine neu erworbenen Skills an ahnungslosen Opfern testen möchte, kann sich offline am Zwei-Spieler-Modus versuchen. Der funktioniert nicht anders als die Einzelspiele, allerdings sollte man hier in den Optionen die zahlreichen Hilfsfunktionen deaktivieren. Andernfalls werden bei jedem Zug die jeweils möglichen Angriffe auf gegnerische Spielfiguren aufgezeigt, was nicht nur dem Mitspieler (der ja vor demselben Fernseher sitzt) Einblick in das eigene Vorhaben ermöglicht, sondern auch einen Teil der eigenen Denkleistung überflüssig macht. Trotz funktionierender Spielmechanik scheint dem Mehrspielermodus am Ende allerdings doch der letzte – höchst subjektive – Funken an Faszination zu fehlen. Am wahrscheinlichsten liegt das einfach daran, dass ein Teil des Spielreizes beim Schach auch einfach darin besteht, den Gegner grübeln, denken und schwitzen zu sehen oder mit undurchsichtigen Blicken zu verwirren. Dieses direkte Gegenüber, diese sehr intensive Spielerfahrung im Angesicht des Kontrahenten bleibt vor der Glotze leider ein wenig auf der Strecke. Wer also ein echtes Schachbrett zuhause hat, dürfte dies dem Wii-Schach wohl vorziehen, alle anderen und vor allem Einzelspieler machen mit Fritz allerdings auch nichts verkehrt.

Echtes Schach ist auch hässlich

Zugegeben, rein optisch ist Schach ein recht spartanisches Spiel. Wenn man nicht gerade irgendeine besondere Edition mit gegossenen Zinkfiguren besitzt, flitzen meist nur billige Plastikfiguren über den Karton. So ungefähr muss auch die Begründung der Grafikdesigner ausgesehen haben, als man sich bei Deep Silver dazu entschied, Fritz nur mit den einfachsten Grafiken und Animationen auszustatten. Die Menüs sind simpel und minimalistisch, das Schachbrett erscheint zwar starr in 3D, dafür rutschen die Figuren ohne jede Animation über das Feld. Gerade beim Abenteuermodus auf der Burg hätte es sich doch angeboten, Bauern, Reiter oder Türme mit witzigen Bewegungen zu versehen. Ein weiterer Nachteil der festen Iso-Perspektive macht sich zudem im Multiplayer bemerkbar. Da sich das Spielfeld nicht bei jedem Zug umdreht, muss der obere Spieler stets auf dem Kopf spielen, also genau anders herum als man es üblicherweise am Tisch tun würde.

Ebenso einfach wie die Optik, ist auch die Akustik gehalten. Dezente Fahrstuhlmusik dudelt auf Wunsch im Hintergrund. Zur Spielerfahrung trägt das nicht wirklich bei, hier wäre es dagegen schön gewesen, eigene Lieder von SD-Karte abspielen zu können. Aber dafür kann man ja getrost auch einfach den Ton abschalten.
Und letztlich gilt dieselbe Konsequenz auch für die Steuerung. Einfach, minimalistisch, ohne Schnörkel. Ein Nunchuk wird nicht benötigt, die Figuren werden lediglich mit dem Steuerkreuz bewegt – der Pointer bleibt daher auch außen vor.

Fazit

Warum heißt Fritz eigentlich Fritz? Nun, diese Frage wird auch im Wii-Ableger nicht geklärt, dafür erhalten Schachfreunde ein dickes Spielpaket voller Modi und Einstellungen zusammen mit einer ungeheuer clever agierenden Schach-KI. Wer also primär alleine spielt und ein gewisses Interesse für das Thema mitbringt, wird lange und gut unterhalten. Als Mehrspieler- oder Partytitel eignet sich Fritz wegen der genannten, wenn auch kleinen Mängel, nur bedingt. In diesem Fall bekommt man für die hier verlangten 30 Euro bereits ein gutes Schachbrett mit edlen Holzfiguren und damit auf Dauer eventuell mehr Spaß.

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