Testbericht: Escape from Bug Island

Wenn ein Spiel zum Launch einer Konsole fertig gestellt werden muss, wird in vielen Fällen leider im Falle von Zeitdruck wenig auf die Qualität des Titels geachtet. Vielmehr ist es wichtig, dass möglichst alle Genres bedient werden und meist kann der entsprechende Publisher sogar noch mit annehmbaren Verkaufszahlen rechnen, wenn die Konkurrenz im Genre quasi kaum oder nicht vorhanden ist. So oder ähnlich muss auch der Gedankengang seitens der Entwickler „Spike“ gewesen sein, als sie pünktlich zum Wii-Release in Japan das Survival Horror-Game „Necro-Nesia“ veröffentlichten. Unter dem Namen „Escape from Bug Island“ hat es das Game dann zur Überraschung vieler Zocker erst in die USA und jetzt sogar bis in unsere Gefilde geschafft. Wir haben selbst einen Ausflug auf die Insel unternommen und verraten euch, inwieweit wir davon wieder heil zurückgekommen sind.

Der Horror beginnt!

Mag Escape from Bug Island zum Wii-Launch in Japan in der Tat ohne Konkurrenz gewesen sein, sieht die Sache in den USA und bei uns ein wenig anders aus. Hierzulande dürfen Fans des gepflegten Survival Horrors mittlerweile auf die sagenhafte Umsetzung von Resident Evil 4 zurückgreifen und ob man will oder nicht, Escape from Bug Island muss sich gezwungenermaßen mit dem Klassenprimus messen. Das Szenario des Titels scheint dabei auf den ersten Moment wie aus einem schlechten B-Movie der 50er Jahre geklaut, denn dort konnten überdimensionale Insekten die Menschen wohl das letzte Mal erschauern lassen. Nachdem man im Genre aber bereits zur Genüge mit Zombies, Dinosauriern, Untoten, Monstern und allerlei anderen Kreaturen geschockt wurde, könnte der Ausflug auf die Käferinsel eine nette Abwechslung darstellen.

Die Ausgangssituation des Spektakels ist dabei mehr als simpel und lässt den Spieler binnen wenigen Minuten daran zweifeln, ob die Entwickler das Gesehene wirklich ernst gemeint haben oder uns nur zum Schmunzeln bringen wollen. Wir finden uns auf der Insel wieder in Form des jungen Ray, der sich vor Insekten einfach nur ekelt. Warum er dann auf diese seltsame Insel fährt? Das hat er seiner Zuneigung zur von Käfern ganz besessenen Michelle zu verdanken, die ihn aber ignoriert und stattdessen lieber alle Insekten der Insel katalogisieren möchte. Der Dritte im Bunde ist der Draufgänger Mike, der sich als Rays Freund ausgibt, in einer peinlichen und kitschigen Sequenz aber Ray zuvor kommt und Michelle fragt, ob sie mit ihm gehen wolle. Ein wenig Bedenkzeit räumt er ihr dabei sogar ein und nachdem das gute Mädel mit der Situation überfordert scheint, beschließt sie ein wenig für sich sein zu wollen. Mike geht ihr nach und schon findet sich der Spieler in Rays Haut alleine am Lagerfeuer sitzend wieder. Was klingt wie aus einem schlechten Drehbuch eine Amateurfilmgruppe, dient hier in der Tat als Aufhänger für ein ernst gemeintes Survival Horror-Game. Fortan wird der Spieler damit genötigt, die Insel im Alleingang zu erkunden und seine Freunde zu finden. Auf diesem Weg stellen sich euch natürlich immer wieder die namensgebenden „Bugs“ in den Weg, die hier sogar wörtlich genommen werden dürfen.

Probleme bereiten euch nämlich nicht nur die riesigen Käfern, Heuschrecken, Gottesanbeterinnen und dergleichen mehr, sondern auch etliche grobe Schnitzer im Gamedesign. Escape from Bug Island ist in mehrere Abschnitte unterteilt, die es zu absolvieren gilt. Nach jedem Abschnitt erfolgt eine Abrechnung über die erreichten Ziele und es darf gespeichert werden. Praktischerweise könnt ihr auch in den vorigen Abschnitt zurückkehren, solltet ihr aus unerklärlichen Gründen den Drang verspüren noch nicht erledigte Aufgaben komplettieren zu wollen. Bis es soweit ist, müssen entweder Schlüssel gefunden, mit immer wieder mal auftauchen Leuten gesprochen oder gar ein Zwischenboss besiegt werden. Dass es etwas seltsam erscheint, wenn Personen in die Story eingeführt werden, nur um kurz darauf zu sterben oder zu verschwinden, ohne dass jemals wieder jemand nach ihnen fragt, sollte man ignorieren. Ebenso die Tatsache, dass man im Prinzip nur von einem gelben Punkt auf der Übersichtskarte zum nächsten hastet – diese zeigen nämlich die nächsten zu erreichenden Ziele an. Immerhin werden somit die zurückzulegenden Laufwege vergleichsweise kurz gehalten, wofür man den Programmierern in der Tat dankbar sein muss. Warum man dann später im Spiel dennoch fast noch einmal alle Areale erneut durchlaufen muss? Dies soll aus Spoiler-technischen Gründen nicht verraten werden. Trotzdem ist die Motivation hinter das Geheimnis der mysteriösen Insel zu kommen recht gering. Weder die dilettantisch geführte Storyline noch die drei erfüllbaren Bonusaufgaben pro Abschnitt können daran etwas ändern.

An sich scheinen die Zutaten zwar ansatzweise verwertbar zu sein, nur ist die Umsetzung in Escape from Bug Island leider alles andere als gelungen. Es kommt zu keiner Zeit wirkliche Spannung auf und richtige Schockmomente, wie sie für ein Game dieser Art eigentlich Pflicht wären, bleiben aus. Wo Genre-Kollegen auf eine klaustrophobische Atmosphäre setzen, war beim Entwicklerteam von Spike nach dem ersten Brain Storming und der Idee mit der Käferinsel der Vorrat an guten Ideen bereits erschöpft. Dies spiegelt sich unter anderem auch in den Waffen wieder, die über das Standard-Repertoir von Messer über diverse Knarren bis hin zu Granaten kaum hinausreichen. Auch Steine als Wurfgeschosse oder ein Ast als erste Waffe kann dem Spieler nur ein müdes Lächeln entlocken. Ihr habt jetzt noch Schweißperlen auf der Stirn, wenn ihr an den letzten Resident Evil-Teil denkt, als ihr mit knapper Munition und letzten Kraftreserven die nächste Türe geöffnet und euch gewünscht habt, dass sich dahinter keine Zombies verbergen würden, weil sonst euer letztes Stündlein geschlagen hätte? Dann könnt ihr beruhigt zu Escape from Bug Island greifen, denn derartige Situation wird es hier kaum geben. Die lebensspendenen Orangen, Konservendosen, etc. sind in rauen Mengen in den Arealen verteilt. Zudem regeneriert sich eure Energieanzeige von selbst wieder, was die Vermutung aufkommen lässt, ob Ray selbst ein Mutant ist. Trotz drei wählbarer Schwierigkeitsgrade ist der Titel zudem relativ einfach gehalten, was in einer Gesamtspielzeit von weniger als zehn Stunden resultiert. Ein Glück, mag man meinen, immerhin hat man dann das wörtlich zu nehmende Grauen schneller hinter sich.

Die grauenhafte Steuerung

Dass Escape from Bug Island einen derart miesen Eindruck hinterlassen hat, liegt nicht nur am uninspirierten Setting, der mangelnden Motivation für den Spieler und anderen groben Schnitzern im Design. Nein, auch die ziemlich verkorkste Steuerung trägt ihren Teil dazu bei, den Titel zum Anwärter auf den „Worst Game of the Year“-Award werden zu lassen. Steuert sich Ray mit dem Analogstick zwar genauso schwerfällig wie seine Kollegen in den ersten Resident Evil–Teilen, aber immerhin noch ansatzweise brauchbar durch die Gegend, so fragt man sich nach spätestens zehn Sekunden, warum man ihm keine „Rennen“-Funktion spendiert hat. Der gute Kerl schleicht dermaßen lahm umher, dass man dabei einschlafen könnte. Mit Bewegungen von Nunchuk oder Wii-Mote kann man sich seitlich links und rechts abrollen und so gegnerischen Attacken entgehen. Mit dem Z-Button werden die Waffen gewechselt, wobei hier aber nur zwischen der Nahkampf- und der Fernkampf-Waffe gewählt werden kann. Möchte man diese Waffen generell durch andere ersetzen, muss man mehrere Sekunden Ladepause in Kauf nehmen, um in das Menü zu gelangen. Doch auch mit der gewünschten Waffe in der Hand fällt ein gezielter Angriff nicht unbedingt leicht. Zuerst muss nämlich einmal der B-Button gedrückt werden, um sagen wir mal die Nahkampfwaffe zu zücken. Nun sind noch Fuchtelbewegungen mit der Wii-Mote gefragt, um die Waffe auch einzusetzen. In kleinen Dreier-Combos kann hier sogar zwischen normalen und schweren sowie hohen, mittleren und tiefen Attacken gewählt werden. Es steht außer Frage, dass diese Attacken nie präzise ausgeführt werden können. Zudem ist nach dem Drücken von B kein weiteres Laufen möglich. Kombiniert mit der Tatsache, dass sich die herannahenden Insekten teils recht schnell um euch herum bewegen, stochert Ray in schöner Regelmäßigkeit ins Leere, muss sich ein wenig drehen und schlitzt beim nächsten Combo erneut in die Luft, während sich die Heuschrecken auf Rays Rücken zu schaffen machen und an der Energieleiste nagen.

Zum Glück lassen sie sich durch ein Schütteln der Wii-Mote wörtlich genommen abschütteln. Noch schlimmer wird es aber, wenn die Distanzwaffen gefragt sind. Hier muss zuerst durch Halten des A-Buttons in eine Ego-Perspektive geschaltet werden, bevor man mit der Pointerfunktion der Wii-Mote zielen darf. Mit einem Druck auf B wird das Ziel visiert und im Falle der Steine ist nun noch ein Schwung mit der Wii-Mote gefragt, um den Stein zu werfen. Was sich alleine schon in der Theorie kompliziert anhört, entpuppt sich auch in der Praxis als unhandliche und unkomfortable Steuerungsart, die auch dann nicht besser wird, wenn man ab der Hälfte des Games seine Hand an die ersten Knarren legen kann. Diese erfordern zwar kein Schwingen der Wii-Mote mehr zum Feuern, ein zielgenaues Anvisieren der flinken Gegner bleibt dennoch oftmals reine Glückssache. Der einzig wirklich gelungene Moment ist das Balancieren über Stege und gefallene Bäume, wo die Bewegungssensoren der Wii-Mote zum Einsatz kommen, das war es dann aber auch schon. Was fehlt noch? Die Tatsache, dass mit dem C-Button die Taschenlampe ein- und ausgeschaltet werden kann. Ende Gelände.

Echt gruselige Technik

Damit sind wir auch schon beim Thema Grafik angekommen, denn der Schein der Taschenlampe ist so ziemlich das einzigste optische Highlight, welches den Spieler in Escape from Bug Island erwartet. Hat man dies gesehen und weiß, dass andere Games das genauso oder sogar noch besser machen, kann man sich ungefähr vorstellen, wie der Rest des Spiels aussieht. Ohne leuchtende Funzel vor eurer Nase könnte man in der Tat meinen, man hätte ein Spiel aus den letzten Zügen der PS1-Ära vorgesetzt bekommen, zumindest wenn man die tristen und grauen Hintergründe betrachtet, die mit meterdicken Nebelbänken und groben Pixeln den Großteil der Areale verdecken. Die Sichtweite beträgt keine drei Meter, was Erinnerungen an die Nebelbänke auf dem N64 aufkommen lässt. Doch auch mit der Taschenlampe in Benutzung gibt es nichts, woran man sich grafisch erfreuen könnte. Die kargen Landschaften wirken wie zusammengeklebt, matschige Texturen wiederholen sich ständig und lassen alles leblos und statisch erscheinen. Hinzu gesellen sich Clippingfehler und triste Farben, die alles in mattes Braun, Grün oder Grau hüllen.

Die Charaktere scheinen dabei immerhin den Sprung in die folgende Konsolengeneration knapp geschafft zu haben. Dummerweise befinden wir uns aber auch hierbei gerade einmal in der Anfangsphase und somit gute zehn Jahre von der heutigen Technik entfernt. Selbst ein Blue Stinger auf Segas Dreamcast konnte hübschere Modelle bieten als wir sie hier zu sehen bekommen. Abgerundet wird das Ganze von hölzern wirkenden Animationen und ebenfalls sehr platten Texturen. Einzig erwähnenswert scheinen hier wirklich noch die Gegner zu sein, die immerhin zum Teil gefallen können. Dies gilt in erster Linie für die Gottesanbeterinnen, die Heuschrecken und die Tarantula, während der als erster Zwischenboss auftauchende Riesenaffe eine einzige Lachnummer ist, bei dessen geringem Polygon-Count man die Polygone wohl einzeln zählen könnte. Ebenfalls Kritik gefallen muss man sich für die zu langen Ladezeiten während des Games sowie die insgesamt sehr schwache Präsentation. Nach dem einigermaßen stimmungsvollen Titelbildschirm geht die Atmosphäre nämlich in rasender Geschwindigkeit den Bach runter und kommt bis zum Ende hin nicht wirklich wieder auf.

Sein Scherflein dazu trägt auch der Sound bei, dessen Entwickler eigentlich mit 20 Stunden Dauerspielen von Barbies Vacation Adventure auf dem SNES bestraft werden sollten. Man hat sage und schreibe drei (3!!!) verschiedene Pianomelodien in das Game integriert, die euch bereits im Tutorial tierisch auf den Zeiger gehen und das gesamte Spiel hinweg verfolgen werden. Hinzu gesellen sich einige wenige Dialoge, die zwar ob des grottenschlechten Voice Actings einer gewissen Komik nicht entbehren, aber in einem ernst zu nehmenden Titel vollkommen fehl am Platze sind. Da muss es fast schon als positiv angesehen werden, dass der Großteil der Kommunikation zwischen Ray und den anderen Personen lediglich als Texteinblendung abgehandelt wird. Die einigermaßen gelungenen Umgebungsgeräusche werden übrigens durch das klischeehafte Kreischen der sterbenden Insekten sowie den nervtötenden Schritten Rays wieder zunichte gemacht, so dass es selbst in Sachen Sound hier nichts Positives zu vermelden gibt.

Fazit

Es ist eine Schande, mit welchem Schund manche Entwickler den Spielern das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Vor zehn Jahren hätte man einem Titel wie Escape from Bug Island unter Umständen noch seine Daseinsberechtigung im Sumpf der Survival Horror-Games zugestanden. Doch auch damals schon wären Konkurrenten wie Dino Crisis oder Blue Stinger die weitaus bessere Wahl gewesen. Mittlerweile hat sich allerdings dermaßen viel getan, so dass der Titel einfach nur noch hoffnungslos veraltet wirkt. Die lieblose Präsentation, die durch die Bank schwache Technik und die verkorkste Steuerung lassen eigentlich zu keiner Sekunde auch nur ansatzweise so etwas wie Spielspaß aufkommen. Escape from Bug Island ist zwar prinzipiell spielbar, aber außer absoluten Masochisten wird sich kaum jemand diesen Titel freiwillig mehr als ein paar Minuten antun. Selbst Survival Horror-Freaks sollten nicht derart verzweifelt sein, um einen Kauf des Spiels in Betracht zu ziehen. Capcom hat gezeigt, wie echter Horror auf der Wii auszusehen hat. Der einzig aufkommende Horror bei Escape from Bug Island ist dagegen der Gedanke, den Titel überhaupt spielen zu müssen.

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