Testbericht: Die Geheimnisse der Spiderwicks

Es gibt gewisse Regeln in der Spielebranche, die sich über die Jahre hinweg stets bewahrheitet haben. Eine davon besagt, dass Filmumsetzungen nahezu immer völliger Lizenzmist sind und auch auf Wii hat sich das bereits etliche Male bestätigt. Pünktlich zum neuen Kinofilm „Die Geheimnisse der Spiderwicks“ bringt Sierra ebenfalls eine passende Versoftung für alle gängigen Konsolen, zeigt damit den Zweiflern aber die lange Nase. Das Action-Adventure rund um die Geschwister Grace ist waschechte Coregamer-Unterhaltung, befindet sich allerdings in einer leichten Identitätskriese.

Spider-Wer?

Thimbletack? Mulgarath? Sagt euch nichts? Die Geschwister Jared, Simon und Mallory? Nie davon gehört? Kein Wunder. Im Zuge der kommerziell außerordentlich lukrativen Fantasyfilmwelle, werden in letzter Zeit vermehrt auch Stoffe auf die Leinwand gebracht, die in Deutschland bisher bestenfalls ein Schattendasein führten. Ebenso wie die Chroniken von Narnia oder Eragon, waren Die Spiderwick Geheimnisse (so der Originaltitel der Bücher) hierzulande bisher kaum bekannt. Die in den USA ungeheuer beliebte Buchreihe, von der bisher sechs Bände erschienen sind, erzählt von den besagten Geschwistern Jared, Simon und Mallory Grace. Deren Mutter Helen hat sich kürzlich von ihrem Mann getrennt und wie das bei frisch geschiedenen New Yorker Ehen nun mal so ist, ziehen Mutter und Kinder am Besten erstmal in ein abgelegenes, düsteres Herrenhaus, dass irgendeinem Vorfahren irgendwann einmal gehört hat. So auch im Fall der Familie Grace, denn Urgroßvater Arthur Spiderwick hat zufällig ein Solches besessen, samt gruseligem Wald direkt vor der Tür.
Wenig begeistert von ihrem neuen Zuhause bemerken die Kinder schon bald mysteriöse Phänomene in dem Gemäuer. Dinge verschwinden, aus den Wänden kommen Geräusche, etc. Erst als Jared in einer geheimen Bibliothek auf dem Dach ein mindestens ebenso geheimes Buch findet und liest, erkennt er, dass Arthur Spiderwick weit mehr als ein alter Tattergreis mit Vorliebe für antike Bruchbuden war. Viel mehr hat der Uropa das Tor zu einer Parallelwelt voller fantastischer Wesen entdeckt. Kobolde, Feen, Elfen, Drachen, Oger – manche freundlich, viele aber auch nicht. Und wie es der Zufall so will, hat Jared beim Öffnen des Buches eben jenes Tor geöffnet und damit düstere Kreaturen auf den Plan gerufen …

„Wirfst du nur einen Blick hinein, können die Folgen tödlich sein …“

Hätte Jared nur mal besser auf die Warnung gehört, die auf dem Buchdeckel von „Arthur Spiderwicks Handbuch für die fantastische Welt um dich herum“ prangte. Kurz darauf wird sein Zwillingsbruder Simon nämlich entführt – der Oger Mulgarath ist ganz besessen darauf, das Buch in seine Hände zu bekommen. Nun liegt es an dem Drei-Käse-hoch, die Dinge wieder ins Lot zu bringen und schon bald bekommt er Hilfe in Form der Wichtelmänner Thimbletack und Hogsqueal. Später schlüpft Ihr als Spieler zudem auch in die Haut von Simon und Mallory um deren besondere Talente im Kampf gegen Mulgaraths Schergen zu nutzen.

Mit Die Geheimnisse der Spiderwicks tischt uns Sierra ein klassisches Action-Adventure nahe an der Filmvorlage auf. In der Rolle der drei Kinder, beziehungsweise Thimbletacks, erkundet Ihr das Herrenhaus und die umliegenden Gebiete, sammelt Gegenstände, löst Rätsel und kämpft in rasanten Gefechten gegen eine ganze Armee von Kobolden. Der Anfang fällt dagegen noch harmlos aus. Jared erkundet am ersten Abend in seinem neuen Zuhause die Wohnung, untersucht Gegenstände und spricht in knappen Dialogen mit seinen Geschwistern. Während sich der Spieler mit der Steuerung vertraut macht, fühlt sich der Titel zunächst wie eine Art Resident Evil für Kinder an. Das Anwesen ist mit allerlei antikem Gerümpel dekoriert, hier und da knarzt es an den Wänden. Mit einem gefundenen Besenstil kann Jared eine schlampig verputzte Wand einreißen und entdeckt einen alten Speiseaufzug, der ihn in die Bibliothek führt. Dort findet er nicht nur das geheimnisvolle Buch, sondern entdeckt auch Thimbletack, freundet sich mit ihm an, erhält flugs einen magischen Stein um die eigentlich unsichtbaren Kobolde auch sehen zu können und kümmert sich ganz nebenbei noch um ein neues Zuhause für den Wichtelmann, da Jared dessen ehemalige Wohnung im Speiseaufzug seiner Hauswand beraubt hat. Etwas viel für’s Erste? Wahrscheinlich schon. Ebenso wie im Film, der den Inhalt von ganzen fünf Büchern enthält, zieht der Einstieg auch im Spiel mit Karacho an Euch vorbei. Wer die Vorgeschichte nicht kennt wird sich etwas wundern, dass Jared in Sekundenschnelle die Existenz der Parallelwelt akzeptiert und die Kinder mit Thimbletack schon bald ganz dicke sind. Natürlich setzt das Spiel zielgruppengerecht nicht auf dramatische Charakterzeichnung, ein paar erklärende Dialoge mehr hätten aber nicht geschadet. Auf der anderen Seite bleibt Euch ein langwieriger Auftakt erspart und schon bald befinden sich die Kinder mitten im Abenteuer. Spielerisch bieten Die Geheimnisse der Spiderwicks eine Mischung aus Erkunden, Rätseln und Kämpfen. Während Ihr auf dem Gelände des Anwesens meist bestimmte Gegenstände sammeln und euren Geschwistern überreichen, bzw. an einer Werkbank zu etwas Neuem zusammenbauen müsst, warten in den Wäldern und Steinbrüchen außerhalb handfeste Konflikte, denen sich Jared mit einem Baseballschläger bewaffnet stellt. Damit verkloppt er die Kobolde gleich dutzendweise und darf sich nach und nach immer effektiverer Manöver bedienen. Einfach nur draufhauen funktioniert zwar auch, wesentlich cooler sind aber die Spezialattacken. Neben einem Wirbelschlag kann euer Protagonist den Gegnern auch mit einem Hechtsprung ausweichen und in der Luft zum Gegenangriff anzusetzen. Jared holt darauf hin aus, springt und rammt seinen Widersacher mit einem gewaltigen Hieb in den Boden – natürlich in stilvoller Zeitlupe. Habt Ihr euren Bruder nach den ersten Scharmützeln wieder befreit, könnt Ihr auch schon bald Kontrolle über die übrigen Geschwister übernehmen. Während sich Mallory als begeisterte Fechterin der traditionellen Degenkunst bedient, baut sich Tüftler Simon schon bald eine Art Chuck-Norris-Supersoaker-des-Todes. Diese schrottflintenähnliche Wumme versprüht ein Tomaten-Essig-Gemisch, welches Kobolde in ihre Einzelteile auflöst. Und natürlich verfügen auch die anderen beiden Kinder über Spezialmanöver, vom besonders heftigen Degenstoß bis zum Max Payne-artigen Bulletdodge. Um das Programm abzurunden, wären da zu guter Letzt noch die Waldgeister. Wie bereits erwähnt, sind nicht alle Fabelwesen feindselig, manche schwirren auch ganz unbeirrt einfach durch die Spielwelt. Mit dem Waldgeistnetzt können diese leuchtenden Kreaturen, die nahezu überall anzutreffen sind, eingefangen werden. In einem kurzen Minispiel muss der entsprechende Geist dann in das Lexikon des Buches übertragen werden und steht Euch daraufhin mit seiner speziellen Fähigkeit zur Verfügung. Der spielerische Wert hierbei ist, dass Ihr bis zu drei verschiedene Waldgeister und damit deren Spezialkräfte mit euch führen und jederzeit einsetzen könnt. Dabei handelt es sich um so praktische Effekte wie Heilung, Unverwundbarkeit, erhöhtes Tempo, etc.
Etwas unspektakulärer gestalten sich dagegen die seltenen Abschnitte, in denen Ihr als Thimbletack die Nischen des Herrenhauses erkundet. Ihr hüpft und klettert über Balken und Rohre und kämpft mit Nadeln gegen Kakerlaken.

Nach und nach schreitet Ihr also nicht nur in der Geschichte voran und erfahrt, was es mit dem Buch, dem Oger und eurem Uropa Arthur Spiderwick auf sich hat, sondern könnt eure Charaktere auch rudimentär weiterentwickeln. Neben besseren Waffen, die Ihr an vorgegebenen Stellen erhaltet, stehen euch mit zunehmender Anzahl besiegter Feinde weitere Attacken zur Verfügung. Welche Ihr bereits freigeschaltet habt, lässt sich übrigens jederzeit im praktischen Spielmenü einsehen. Hier wird akribisch über jede Aufgabe und jedes Talent Buch geführt, so dass Ihr eigentlich immer wisst, was als nächstes zu tun ist. Auch die Gespräche mit den Geschwistern können Auskunft geben, sind jedoch meist nur belangloses Gebrabbel. Allgemein halten sich die Dialoge weitestgehend auf einem sehr seichten Niveau, was aber der Vorlage verschuldet ist. Nichtsdestotrotz erscheint das Spiel bei längerem spielen ein wenig schizophren. So schwankt nicht nur der Anspruch der Story teils gewaltig – vom niedlich reimenden Thimbletack bis hin zu Hogsqueal, der die Kobolde als den Abschaum der Erde bezeichnet – auch die Inszenierung wirkt oftmals gar nicht so kindgerecht, wie sie es eigentlich sein sollte. Die meisten Spielbereiche sind recht düster, die Gegner für unter 10jährige eigentlich zu furchteinflößend und bei gegnerischen Treffen (Achtung, hier handelt es sich um ein Kinderspiel) spritzt sogar etwas Blut! Zu Recht vergab die USK eine Freigabe ab 12, was dem Spiel ein gewisses Dilemma bereitet. Design und „Gruselfaktor“ sind nicht unbedingt kleinkindtauglich, Schwierigkeitsgrad, Umfang und das Niveau der Dialoge richten sich aber ebenso wenig an ältere Spieler.

Drück mich, ich bin eine Fee

Die Geheimnisse der Spiderwicks überlassen Euch die Wahl, ob mit Remote und Nunchuk oder dem Classic-Controller gespielt werden soll. Beides funktioniert prinzipiell sehr gut, wobei es ungewohnt ist, dass man bei der klassischen Variante alles mit dem b-Knopf bestätigt, wo es doch in den meisten Spielen der a-Knopf ist. Abgesehen davon lassen sich die Helden aber problemlos steuern, zwei Tasten sind für Distanz- oder Nahangriffe, der Z-Knopf dient zum Ausweichen und Einleiten eines Specialmoves, ebenso wie ein Ruck des Nuncuks in die gewünschte Richtung. Das Steuerkreuz ist ebenfalls voll belegt, es dient zum Wechseln der Waffen, bzw. Waldgeistkräfte, sowie deren Einsatz. 1 und 2 sind hingegen nicht belegt. In einigen kleinen Quick-Reaction-Events wird die Wii-Steuerung noch zusätzlich eingebunden, etwa wenn ein Kobold euren Helden anspringt und Ihr ihn mit abwechselndem Schlagen von Remote und Nunchuck abschütteln müsst.

Einzig und allein die Kamera macht immer wieder Schwierigkeiten, da sie sich von selbst fast überhaupt nicht bewegt und daher ständig manuell justiert werden muss. In Kämpfen wird daher der C-Knopf euer bester Freund, mit dem die Perspektive wieder hinter euren Helden zentriert wird. In die Kategorie „Innovativ aber ausbaufähig“ fällt die Möglichkeit bei gedrückt gehaltenem C-Knopf über das Kippen des Nunchuks den Blickwinkel zusätzlich zu bewegen. Zwar gewöhnt man sich auch hieran, auf Dauer ist diese Lösung aber einfach zu langsam.

Techtelmechtel

Für eine Filmumsetzung fast schon ungewöhnlich gut präsentiert sich die Optik. Zwar setzen weder Polycount noch Texturauflösung neue Maßstäbe, doch der in sich stimmige Look der Filmvorlage wurde wirklich schön in das Spiel übertragen. Das Herrenhaus wird von Licht und Schatten angenehm in Szene gesetzt, im bis dato schönsten Wii-Wald wuchert die Vegetation, das Wasser spiegelt glaubwürdig und der Steinbruch wischt mit seiner detaillierten Architektur mit The Legend of Zelda: Twilight Princess den Boden auf. An manchen, seltenen Stellen kam es allerdings zu leichten Performanceeinbrüchen, die bei ordentlicher Programmierung nicht hätten sein müssen. Besonders liebevoll wirken dafür die Animationen: Thimbletacks leichtfüßiger Gang sorg bereits für den ein oder anderen Lacher, die Kämpfe sind dynamisch und flüssig. Lediglich die Gesichter der Helden wirken allesamt etwas leer und statisch.

Musikalisch hält sich der Titel dezent zurück. Die seichten Melodien der Filmvorlage erklingen auch im Spiel, das Zusammenwirken von Glöckchen und Streichern wirkt angenehm unaufdringlich, unterstreicht die Szenarien aber passend und nervt auch nach mehrstündigem Spielen nicht. Leider, leider, leider gibt’s da aber noch die deutsche Sprachausgabe … Während die Nebenrollen dabei allesamt noch sehr ordentlich gesprochen sind, hat man bei Hauptheld Jared so richtig ins Klo gegriffen. Seine Stimme klingt derart krächzend und gepresst, als würden ihm fünf Kobolde an der Gurgel hängen, er nebenbei Gewichte stemmen und eigentlich noch dringend auf eben erwähnte Toilettenschüssel müssen. Schwester Mallory hat dieses Problem zwar nicht, dafür klingt sie wie eine Mittzwanzigerin – die Figur ist aber erst 13.

Hau den Kobold

Nichts wirklich Besonderes ist der Multiplayermodus, der in dieser Art Spiel ohnehin eher selten zu finden ist. Obwohl sich das Thema der drei Geschwister eigentlich für eine Koop-Kampagne anbieten würde, gibt es lediglich zwei simple Punkte-Hatz-Modi. Vor den Kulissen des Hauptspiels könnt Ihr mit einem Freund zusammen Waldgeister einfangen, Kobolde verkloppen oder auch beides. Wer nach Ablauf eines festlegbaren Zeitlimits mehr davon erreicht hat, gewinnt – wie einfallsreich. Für ein paar spaßige Runden zu zweit ist das durchaus brauchbar, nicht zuletzt aufgrund der guten Kampfsteuerung. Auf Dauer bietet dieser Modus aber viel zu wenig Abwechslung.

Fazit

Als Testspieler erwartet man für gewöhnlich nicht, von der Spielumsetzung eines Kinderfilms in Verlegenheit gebracht zu werden. Doch genau das ist bei den Geheimnissen der Spiderwicks der Fall. Der Titel liegt qualitativ weit über dem Niveau üblicher Lizenzsoftware und spielt sich richtig gut. Die Kämpfe machen eine Menge Spaß und die vielen Nebenaufgaben beschäftigen auch über die eigentliche Spieldauer von nur rund sechs Stunden hinaus. Zudem ist der Titel technisch solide und hat keine nennenswerten Designschnitzer, selbst die teils störrische Kamera kann man verkraften. Dafür kosten die Stimme des Haupthelden, sowie die teils dümmlichen Dialoge Atmosphäre, hier merkt man dem Spiel einfach seine Kinderbuchvorlage an. Auf der anderen Seite ist das Spiel aufgrund seines düsteren Inhalts für kleinere Kinder auch nicht wirklich geeignet.

Mein Tipp: Wer es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, ein Kinderspiel zu kaufen, bzw. Angst hat, von dem Titel unterfordert zu werden, sollte den Spiderwicks per Videothek einfach mal eine Chance geben. Für ein unterhaltsames Wochenende taugt der Titel allemal.

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