Testbericht: Spider-Man: Web of Shadows

Spiderman, Spiderman, he does all a spider can… naja, fast jedenfalls. Auch wenn das ewig ungelüftete Mysterium, warum Spiderman seine Fäden aus den Händen schießt – und nicht wie bei einer Spinne aus dem Hinterteil – auch heute nicht gelöst wird, so spinnt sich Spidey doch erneut durch die Schluchten der Großstadt. Sein neuester Einsatz „Web of Shadows“ verspricht freies Gameplay und epische Story. Spinnen die Entwickler? Wir hoffen nicht…

Die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft

Schon bevor Peter Parker alias Spiderman mit dem Kinoerfolg von 2002 auch wirklich dem letzten Höhlenmensch bekannt wurde, fristete er ein Leben auf der Sonnenseite. Als einer der beliebtesten aller Superhelden erfuhr er neben drei Trickserien bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ganze Reihe an Film- und Fernsehumsetzungen. Selbst eine kuriose japanische Realserie wurde in den 70ern gedreht, in der Spiderman als eine Art halbschwuler Ninja in fürchterlicher C-Movie-Ästhetik über die Mattscheiben hüpfte. Doch der Beliebtheit der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft tat dies keinen Abbruch – und als das Zeitalter der Videospiele anbrach, dauerte es nicht lange, bis Spider Man mit dem gleichnamigen Spiel von 1982 seine ersten digitalen Netze webte, damals auf dem Atari 2600.
Doch seit dem ist viel Zeit verstrichen und unzählige Softwareumsetzungen später schwingt sich der moderne Spidey durch ein frei erkundbares, dreidimensionales New York – mit ähnlichen Achterbahngefühlen, wie bei den spektakulären Kamerafahrten der Kinofilme.
Der neueste Ableger Web of Shadows bleibt diesem, mit Spiderman 2 eingeführten Spielprinzip treu – statt einzelner Levels erkundet ihr eine riesige, zusammenhängende Stadt. Quasi Grand Theft Spidey.
Doch nach den jüngsten Wii-Katastrophen Spiderman 3 und Freund oder Feind muss Web of Shadows erst einmal beweisen, ob es auf der Nintendo-Konsole den angeknacksten Ruf der beliebtesten Spinne der Welt wiederherstellen kann.

Iiiiih, eine Spinne!

Anders als viele seiner Vorgänger, folgt Web of Shadows diesmal keiner vorgegebenen Film-, Serien- oder Comichandlung. Die Geschichte spielt frei im Comic-Universum, Peters Beziehung zu MJ und auch die Integration weiterer Superhelden in die Story ist also schon viel weiter vorangeschritten, als dies zum Ende von Spiderman 3 bereits der Fall war. Doch von der Handlung bekommt ihr zunächst ohnehin nur Fetzen zu sehen. Nach einem zwar hübschen, aber inhaltlich völlig käsigen Intro, wird Spidey direkt in die Straßen von New York vor einen Haufen komischer Gegner geschmissen. Was ist hier passiert? Das Spiel liefert nur Ansätze. Irgendwelche Symbionten haben New York angegriffen. Spiderman ist auf der Suche nach Luke Cage (Powerman), sowie Mary Jane und erwehrt sich zunächst mit Hilfe futuristischer Polizeitruppen einer Armada alienartiger Wesen. Und irgendwie kommen kurz darauf auch noch Venom und Spideys schwarzer Anzug ins Spiel… im Bahnhof fahren derweil die Züge der völligen Verwirrung ein.
Hat man die ersten Kämpfe bestritten und das als Tutorial ausgelegte Kapitel beendet, springt die Handlung einige Tage in die Vergangenheit und Spiderman erklärt rückblickend, wie es zu all dem gekommen ist. Alles begann an einem normalen Morgen…
Nun gut, die anfängliche Verwirrung außen vor gelassen macht Web of Shadows Lust auf mehr, auch wenn Nicht-Kenner der Comics (der Comics, nicht der Filme!) blöd in die Röhre schauen werden. Denn auch im weiteren Verlauf der Handlung wird viel Fachwissen vorausgesetzt, kaum eine Figur oder Situation bekommt eine vernünftige Vorstellung. Immer wieder tauchen urplötzlich neue Charaktere auf, tun so, als wären sie schon die ganze Zeit dabei und geben Spidey neue Missionen. Schade, denn etwa das interessante Verhältnis zwischen Peter Parker und Black Cat wird somit nur in Häppchen angedeutet, aber nicht weiter vertieft.
Immerhin stellt euch die Story immer wieder vor Entscheidungen – in Schlüsselsituationen könnt ihr euch für eine gute oder böse Vorgehensweise entscheiden. Und je nachdem verändert sich nach und nach der Spielverlauf.

Doch zurück zum eigentlichen Gameplay. In Web of Shadows seid ihr hauptsächlich mit zwei Dingen beschäftigt: Schwingen und Kämpfen. In der freien Oberwelt New York könnt ihr storybezogene oder optionale Aufträge annehmen. Die bestehen in der Regel darin, irgendwo hin zu schwingen und Schurken zu vermöbeln. Die anfangs erstaunliche Freiheit wird jedoch schnell eingeschränkt, denn meist gibt es in der Stadt nur ein oder zwei wichtige Personen, von denen ihr Missionen erhaltet. Nebenaufträge bestehen dabei in der Regel auch einfach nur darin, eine bestimmte Anzahl an Gegnern zu vermöbeln oder ein paar verwundete Zivilisten (die stupide auf dem Boden rumsitzen) zu retten und ins Krankenhaus zu bringen. Diese Jobs sind Anfangs noch ganz nett, zudem bringen Sie euch Erfahrungspunkte, mit denen ihr neue Moves freischalten könnt. Doch schon bald wiederholen sich die Aufgaben, so dass man sich früher oder später nur noch auf die Hauptmissionen konzentriert. Diese werden euch in etwas monotonen Dialogen erklärt und – sofern nötig – mit einem gut verständlichen Mini-Tutorial vermittelt. Dabei bleibt ihr übrigens ausschließlich im Freien, was im Nachhinein vielleicht aber gar nicht so dumm ist. Denn gerade die Kämpfe arten oft zu wahren Schlachten aus, die im späteren Spiel auch vermehrt von Dach zu Dach und selbst an den Wänden der Hochhäuser ausgetragen werden. In engen Räumen würde dieses relativ freie Kampfsystem nur zu Chaos führen. Spideys Bewegungsrepertoire ist dabei durchaus beachtlich. Gegner können eingesponnen werden, mit verschiedenen Schlag- und Trittcombos bearbeitet und selbst in der Luft relativ präzise vermöbelt werden, auch wenn man besonders bei Wandkämpfen des Öfteren nicht mehr weiß, wo oben und unten ist und auch die Bewegungserkennung immer mal wieder zickt. All das verliert jedoch an Bedeutung, wenn man sich wieder von einem der Hochhäuser wirft, sein Netz verschießt und durch die gigantischen Straßenschluchten schwingt. Wie auch die Vorgänger kann Spidey sein Netz überall befestigen, wo es halbwegs logisch ist. Dank der wirklich hervorragenden Schwingphysik macht es einen Heidenspaß, einfach nur durch die Stadt zu fliegen, auch wenn man sich erst mal an die unnötig karge Optik gewöhnen muss. Die Animationen sind dafür äußerst gut gelungen, viele Bewegungen sind 1:1 aus den Filmen übernommen und verstärken das Gefühl der Freiheit. Nach den ersten Spielstunden entpuppte sich Web of Shadows daher als echter Geheimtipp, der trotz seiner mäßigen Grafik locker eine 7+ hätte kassieren können. Doch leider fehlt es dem Titel mit zunehmender Spielzeit vor allem an zwei Dingen: Abwechslung und Glaubwürdigkeit. Natürlich ist das Spiel nicht realistisch, das ist nicht der Punkt, doch die losen Fäden der eigentlich recht spannenden Handlung werden so lieblos gezogen, dass man irgendwann die Lust verliert ihr zu folgen. Für Comic-Kenner mag es verkraftbar sein, dass irgendwann Moonknight oder Wolverine aus dem Nichts auftauchen, über alles Bescheid wissen und jeder, jeden kennt. Doch wer nicht ganz in der Materie drinsteckt, wird sich ständig fragen, was das denn nun wieder soll und warum Spidey sich eigentlich von jedem dahergelaufenen Halbhelden sagen lässt, was er zu tun hat. Darüber hinaus laufen die vergebenen Aufträge in der Regel einfach darauf hinaus, irgendwo in der Stadt etwas oder jemanden zu suchen und kaputtzumachen. Und wenn dies geschehen ist, alles wieder wie vorher.
Wer darauf gerade keine Lust hat, kann entweder eine der eher öden Nebenmissionen erfüllen, oder schwingt sich einfach nach Lust und Laune durch die Stadt – denn das macht immer Spaß.
Leider vergibt Web of Shadows damit aber eine große Chance, die Sympathie der Hauptfigur und die Freiheit in der riesigen Stadt auch mit sinnvollem und abwechslungsreichem Spielinhalt anzureichern.

Die freundliche Spinne teilt aus

In Puncto Steuerung geht Spiderman eher klassische Wege. Auf den Pointer wird gänzlich verzichtet und die Bewegungssensoren dienen eher als Knopfersatz, sind aber für die wesentlichen Aktionen wichtig. Schwingt ihr die Wii-Remote nach unten, schießt Spidey ein Netz heraus und schwingt daran entlang. Mit dem A-Knopf wird gesprungen, bzw. das Netz losgelassen um anschließend ein neues schießen zu können. Mit seitlichen Bewegungen schlagt ihr, ein Schwung mit dem Nunchuk nach unten aktiviert, bzw. deaktiviert die Zielerfassung und eine horizontale Bewegung wechselt zwischen dem schwarzen und roten Anzug. Ersterer gibt euch bedeutend mehr Kraft, letzterer macht beweglicher. Netterweise reagieren die Einwohner New Yorks sogar auf Spideys Aussehen. Entweder sie jubeln, oder sie fürchten sich. Dennoch passiert es immer wieder, dass ihr aus einer versehentlichen Bewegung das Kostüm wechselt, denn die Sensorik reagiert äußerst sensibel. Wie auch beim Schwingen reicht bereits eine leichte Bewegung – wer den Bogen raus hat, kann tolle Manöver vollführen.
Lediglich bei den vertikalen Kämpfen leisten sich Steuerung und Kamera regelmäßig Aussetzer, was häufig zu Orientierungslosigkeit führen kann, da die Kameraposition die Wand sozusagen als neuen Boden einstellt. Springt Spidey jedoch oder klettert um eine Hausecke, ändert sich der Bezug zum Boden, was die Kamera oft aus der Fassung bringt.

Aus großer Kraft, folgt große Grafik. Aus kleiner Kraft, folgt… naja

Zugegeben, jetzt folgt das haarigste Thema. Die Technik. Web of Shadows ist auf Wii inhaltlich identisch mit den Fassungen für Xbox360 und PS3, rangiert grafisch jedoch im unteren Mittelfeld. Zwar bietet New York auch hier erstaunliche Weitsicht, jedoch sind die Gebäude einfache Klötze, die Texturen fürchterlich undetailliert. Auch die Figuren gewinnen bei Leibe keinen Schönheitswettbewerb, zum Glück entsprechen zumindest die regelmäßigen Rendersequenzen der Grafik der HD-Fassungen.
Dennoch ist unverständlich, warum das Spiel so hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Klar, bei einer derart großen Stadt müssen Kompromisse eingegangen werden, aber selbst das vier Jahre alte Spiderman 2 auf dem Gamecube sieht besser aus, obwohl die Spielwelt mehr oder weniger identisch ist. Darüber hinaus kommt es immer mal wieder zu leichten Performanceeinbrüchen. Ein Indiz dafür, dass bei der Umsetzung geschlampt wurde.

Akustisch ist Web of Shadows ein zweischneidiges Schwert. Die Musikstücke vermitteln einen Hauch von Superheldenatmosphäre und ähneln zudem denen von Danni Elfman aus den Kinofilmen. Im Gegensatz dazu steht die deutsche Synchronisation. Abgesehen davon, dass die Dialoge ohnehin nicht vor Brillanz strotzen, ist Peter Parkers Stimme ein echter Griff ins Klo. Offenbar beim Versuch, einen ähnlich klingenden Sprecher wie Tobey Maguire zu finden, wurde aus Peter eine Art quickendes Ferkel im Teenageralter, das noch dazu seinen Text hin und wieder falsch betont. Das kostet viel Atmosphäre. Die übrigen Sprecher sind zwar kein Totalausfall, liefern aber auch keine wirkliche Glanzparade ab. Erneut gilt: Potenzial verschenkt.

Fazit

Kann mir mal einer verraten, warum bei Multiplattformtiteln die Wii-Version grundsätzlich am lieblosesten daherkommt? Liegt’s wirklich an der Zielgruppe? Wollen wir das? Wollen Casualgamer wenig Qualität für viel Geld? Einem Vertreter dieser Gattung Mensch würde ich wirklich gern mal begegnen, denn laut den Entwicklern, scheint es diese Leute ja massenhaft zu geben.
Auch Spider-Man: Web of Shadows verschenkt das Potenzial eines eigentlich guten Spiels durch eine weitestgehend schlampige Umsetzung. Die Grafik ist nur ein Schatten ihrer selbst, die Steuerung hätte mehr Feinschliff vertragen können. Die Kamera stimuliert in regelmäßigen Abständen die Brechreize. Das klingt jetzt hart, doch wären diese Punkte nicht, würde ich Web of Shadows jedem Wii-Actionspieler uneingeschränkt ans Herz legen. Denn der Ausbau der Fähigkeiten motiviert durchaus, das Schwingen durch die Stadt erzeugt ein fantastisch freies Gefühl und die Kämpfe gehen recht flott von der Hand.
Auch wenn ich aus Vernunftgründen und in Anbetracht der Makel eine höhere Wertung als die unten gegebene nicht verantworten kann, bleibt Web of Shadows insgeheim jedoch mein aktueller Geheimtipp, denn trotz allem hat mir der Titel beim Testen viele Stunden Spaß bereitet. Es ist typische Hassliebe. Ich habe mich über die mäßige Storypräsentation geärgert, ich habe mich manchmal über die Kamera geärgert und vor allem über die Synchronstimme. Aber wenn ich dann wieder mein Netz auswerfen und durch die Straßen fliegen kann, ist all das für einen Augenblick vergessen.
Ausgehungerte Actionspieler sollten einen Blick riskieren… oder sich Spiderman 2 für Gamecube holen, denn das kostet keine 10 Euro mehr.

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