Testbericht: Sid Meier’s Pirates!

Endlich darf auch auf der Wii gebrandschatzt, erobert und gemordet werden! Warum Firaxis nach ihrem kultigen Remake auf der Xbox und dem PC allerdings so lange gebraucht haben um das Piratenabenteuer von Sid Meier nun auch für Nintendos Heimkonsole umzusetzen, muss jetzt nicht jeder verstehen. Egal. Volle Segel, alle Mann auf Deck – ab geht die Reise!

Alt bewährt!

Von vornherein muss ich anmerken, dass diese Review nur für die Leser gedacht ist, an denen die PC- bzw. Xbox-Versionen komplett vorübergegangen ist – denn leider wirkt Sid Meier’s Pirates! wie eine Arte New Play Control-Titel eines Gamecube-Klassikers. Im Gegensatz zu vorher könnt Ihr zwar Accessoires ergattern und Euer Alter Ego einkleiden, aber ansonsten hat sich eigentlich nichts geändert. Außer eben der Steuerung. Aber beginnen wir von vorne…

Die Älteren unter uns werden sicher wehmütig an die C64- oder Amigazeit zurückdenken, wenn sie „Pirates“ hören. Auch heute noch assoziiere ich oftmals mit dem Begriff „Piraten“ diese Perle der Spielgeschichte. Monatelang haben sich unser eins Tage und Nächte um die Ohren geschlagen, mitunter Diskussionen der werten Mama abgeholt wegen des bedrohlich wirkenden Übermaß des virtuellen Spaßkonsums. Sid Meier’s Pirates war das erste Spiel, welches mich damals wirklich süchtig machte – die Grafik war natürlich für damalige Verhältnisse ganz großes Kino auf dem Monitor und mit der richtigen Phantasie konnte man die salzige Meerluft schmecken und das Gegröle in der Taverne hören. Aufgrund der grafischen Möglichkeiten heute wird dem Spieler eigentlich viel Phantasiearbeit abgenommen – außer auf der Wii vielleicht…

Rache

Ihr beginnt Euer Abenteuer als Kapitänsanwärter auf hoher See. Zu diesem Punkt seid Ihr aber nicht zwecks Fleiß in der Marine und ehrlicher Arbeit gekommen – nein, Ihr habt eine Meuterei gegen den tyrannischen Kapitän des Schiffes angezettelt, welches Euch und ein paar weitere Männer in die Neue Welt befördern sollte. Wie Ihr in diese Situation gekommen seid, zeigt Euch ein Intro, das man sogar auf der Wii hätte etwas schöner gestalten können. Mit Midi-Getröte im Hintergrund und leerem Sims-Gefasel der anwesenden Charaktere wird Euch in einer unschönen Szene dargestellt, dass Eure Familie von einem fiesen Baron verschleppt wird. Nur Ihr – zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt – könnt fliehen. Zehn Jahre später heuert Ihr in einer Taverne an. Dort erstellt Ihr Euren Charakter, sowohl optisch mit Frisur, Hautfarbe und Bart als auch die klassischen Pirates!-Einstellungen, in welchem Bereich Ihr Eure Stärken haben wollt. Seid Ihr lieber der Könner der Fechtkunst, der Taten statt Worten folgen lässt? Seid Ihr auf der See zu Hause und könnt Euer Schliff blind navigieren? Wollt Ihr lieber die Damenwelt betören? Einen von fünf Vorteilen, der Euch auf Euren Reisen begleiten sollt, könnt Ihr wählen. Ebenso stehen fünf verschiede Zeitepochen des 16. und 17. Jahrhunderts zur Auswahl, in denen Ihr spielen könnt. Was damals für Abwechslung und Wiederholungswert sorgte, das tut es heute noch immer.

Nachdem Ihr Euren Charakter erstellt habt, schließt Ihr Euch einer von vier Flotten an: Franzosen, Engländer, Holländer oder Spanier. Da gilt es auf die Zeitepochen einiges zu beachten. Die Spanier sind in manchen Epochen dermaßen mächtig, dass es schwierig ist Raubzüge zu tätigen und parallel dazu trotzdem die Karriereleiter hinaufzusteigen, wenn man sich’s nicht mit jedem verscherzen will. Im Endeffekt war Euer Kapitän, egal welchen Ihr wählt, aber eh ein mieser Halunke und nun seid Ihr wieder bei dem Punkt, dass Ihr Euer erstes (kleines) Schiff samt Besatzung Euer Eigen nennt und gleich zu Spielbeginn einen Hafen anlauft.

Unendliche Freiheit

Die Map, auf der Ihr durch die Gegend segelt, ist wie man es von Pirates! gewohnt ist sehr groß. Ort des Geschehens ist natürlich die Karibik, die Mächte der Alten Welt machen sich breit und liefern sich ihre Gefechte. Auch allerlei Freibeuter und Indianer mischen mit und verwickeln die Schiffe und Städte aller immer wieder in Scharmützel. In diesen Wirrungen der Neuen Welt geht Ihr Euren Weg. Dabei genießt Ihr eigentlich, gerade für ein Konsolenspiel ungewöhnlich, sehr viel Freiheit. In erster Linie gilt es natürlich Eure Familie zu finden. Informationen dazu gibt Euch stückweise immer ein gewisser Baron Raymondo – dazu müsst Ihr diesen erst einmal finden, denn er schippert ständig irgendwo in der Karibik herum und ihn per Zufall zu finden gleicht der Nadel-Heuhaufen-Nummer. Informationen, wo er gerade hin reist oder wann er wo aufgebrochen ist, erfahrt Ihr im obligatorischen Schänken-Tratsch.

Um jedoch an dem bösen, bösen Marquis Rache zu nehmen, der Eure Familie verschleppt hat, müsst Ihr zuvor 15 Missionen erfüllen. Dabei handelt es sich meist um Dinge, die sich eh im Laufe des Spiels ergeben (Schatz finden, befördert werden, Gouverneurstochter heiraten etc.).
Damit Ihr dies alles erreicht müsst Ihr natürlich Karriere machen. Dazu bekommt man vom Gouverneur persönlich einen Eskortierungsauftrag oder Ihr plättet einfach mal ein paar Schiffe einer Nation, mit der Euer derzeitiger Gönner gerade im Krieg liegt. So ganz ohne jemand anderem auf die Füße zu treten funktioniert das natürlich nicht – wenn Ihr z. B. seit Monaten Jagd auf holländische Schiffe macht und sogar mal in einer derer Städte eingebuchtet wart, und dann verlangt eine Mission, dass Ihr es schaffen müsst bei den Holländern eine Beförderung zu erlangen, dann kann das schon ein bisschen dauern bis Ihr Eure Schandtaten wieder gut gemacht habt. Aber das ist ja kein Problem. Denn wie machen wir Schandtaten wieder gut? Indem wir Schandtaten an Anderen begehen!

Sobald Ihr Euch, wie zu Beginn des Spiels, in einer Stadt befindet, habt Ihr mehrere Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung. Entweder Ihr holt Euch Lob oder Tadel beim Gouverneur ab und lernt vielleicht seine schöne oder aber auch weniger schöne Tochter kennen. In der Schänke erfahrt Ihr neben dem neuesten Karibik-Klatsch auch interessante Informationen von mysteriösen Fremden, die Euch auch gerne mal Schatzkarten, Aufrüstungsobjekte für Schiffe oder Ringe an, mit denen Ihr Frauenherzen weich werden lasst.
Außerdem könnt Ihr dort Eure Mannschaft vergrößern, denn in einigen Schänken hängen auch arbeitslose Matrosen herum, die schon lange das Fernweh packt. Beim Schiffbauer könnt Ihr Euer Schiff upgraden oder einfach nur optisch verschönern, beim Händler natürlich das Beutegut verscheuern und Fressalien für die hungrige Truppen organisieren. In der Kapitänskajüte könnt Ihr selbstverständlich noch Eure Optik anpassen.

Lost in time and some Gefuchtel!

So segelt Ihr also mittels Steuerkreuz von Stadt zu Stadt, plündert und brandschatzt wie es das Piratenherz begehrt – sei es auf offener See oder Ihr greift die Festung einer Stadt an. Nebenbei versucht Ihr noch die größten Piratenschätze zu finden, verschollene Inka-Städte zu entdecken und auf der Piratenleiter nach oben zu klettern. So könnt Ihr die Top Ten unter den Freibeutern nach und nach ausschalten und Euch mit zweifelhaftem, aber durchaus respekteinflößendem Ruf überhäufen. In der Praxis sieht das so aus: Befindet Ihr Euch in der Nähe eines Schiffes, drückt Ihr den A-Knopf um Details über Bewaffnung und Besatzung zu erfahren. Fühlt Ihr Euch dem Gegner gewachsen, bestätigt ein erneutes Drücken des A-Knopfes den Kampf. Dort benötigt Ihr selbigen dann zum Abfeuern der Kanonen, mit dem Plus-Knopf könnt Ihr entscheiden, welche Art von Kugel (große, kleine, Zwillingsgeschosse – je nach Aufrüstungsgrad des Schiffes) als nächstes eingelegt werden soll und mit dem Minus-Knopf strafft oder hisst Ihr die Segel. Diese Knöpfe ins Spiel einzubauen halte ich für sehr fummelig, aber man kann sich ja bekanntlich an alles gewöhnen. Je nach Gusto beballert Ihr das gegnerische Schiff, bis es auf den Meeresboden sinkt – oder bei Handelsschiffen die weitaus lukrativere Variante: Ihr entert es! Dazu rammt Ihr das Schiff und Ihr findet Euch in Gestalt Eures Charakters auf den Planken des Feindes wieder. Sollte dieser nicht schon vorher aufgegeben haben, stellt sich der Kapitän zum Duell. Jetzt wird gefochten und – Ihr ahnt es bereits – es wird gefuchtelt! Ich will nicht sagen, dass die Steuerung misslungen ist. Wenn man jedoch schon auf Unterstützung eines Padcontrollers verzichtet, dann hätte sie perfekt sein müssen. Die Schläge fallen zwar schon im Moment des Schwingens, aber verschiedene Schlagarten haben wohl bezüglich der Schwungrichtung nur eine theoretische Verbindung. Aber gut – er schlägt, wenn er schlagen soll und die Parade mittels A- und B-Knopf funktioniert auch. Gewinnt Ihr den Kampf, habt Ihr das gegnerische Schiff samt Beute und anschlusswilliger Besatzung in Eurem Besitz. Verliert Ihr, werdet Ihr entweder ins Gefängnis geworfen, aus dem Ihr mittels Bestechung oder einem Dietrich-Fummel-Minispielchen ausbrechen müsst oder Ihr werdet auf eine einsame Insel verbannt und müsst warten bis zufällig jemand vorbeikommt, der einen Kapitän für sein Schiff sucht. Es sei denn, Ihr habt ein zweites Schiff in Eurer Flotte (bis zu fünf sind möglich). Sollten nicht alle Getreuen in der Schlacht gefallen sein, könnt Ihr im Falle einer Niederlage mit dem anderen Schiff fliehen.

Der sinnlosesten Fuchtelorgie werdet Ihr aber ausgesetzt, wenn Ihr auf dem Ball mit der Gouverneurstochter tanzen müsst. Schwingt die Wiimote im richtigen Moment in die angezeigte Richtung und der richtige Tanzschritt wird ausgeführt. Patzt Ihr, dann macht Ihr den Stolper-Heinz … und Ihr werdet oft patzen …
Die Steuerung ist eins von zwei Dingen, die mich unheimlich stören. Ein weiteres Problem nämlich ist ein zeitliches. Für diese große Map läuft die Zeit einfach viel zu schnell. So bekommt man für eine Hafeneinfahrt oder ein 360° Wendemanöver auch mal zwei Tage verrechnet. Davon abgesehen, dass dadurch die Person sehr schnell altert wirkt es auch etwas seltsam, dass die anderen Charaktere wie Geliebte oder gar die verschollenen Verwandten frisch aussehen wie am ersten Tag. Zudem ist es total nervig, dass bei etwas längeren, aber notwendigen Überfahrten, keine Schiffe kreuzen und die Besatzung sofort anfängt zu maulen und die Stimmung sich verschlechtert. Da wäre es wirklich sinnvoller gewesen, die Zeit einfach etwas langsamer laufen zu lassen.

Grafik & Sound

Was soll ich sagen? Die Wii kann’s besser – warum Firaxis die damalige Grafik einfach kopiert und sie dabei noch Qualität verliert ist mir schleierhaft. Wenn man sich die Möglichkeiten der Wii anschaut, so ist die Grafik gerade noch okay. Der Sound erinnert mich an das Midi-Gedudel von PC-Spielen der Früh-90er. Die meisten Symptome einer Seekrankheit hat man jedoch zum Glück nach dem Intro-Filmchen bereits hinter sich gebracht.

Fazit

Zum Glück besitzt Sid Meier’s Pirates! auch auf der Wii immer noch diesen gewissen Charme der Reihe, die einen mit der Eingangs erwähnten Phantasie auch heute in die Karibik entführen kann. Gerade Fans der alten Spiele, an denen das Remake vor fünf bis sechs Jahren vorübergegangen ist, werden ihre helle Freude haben. Auch mich hat das Spiel wieder in seinen Bann gezogen, trotz der technischen Schwächen, oder besser gesagt Schlampigkeiten! So was ärgert mich einfach. Einen Multiplayer-Modus haben sie eingebaut. In der Rolle eines Papageis kann Spieler 2 dort in den Kampf „eingreifen“. Oder auf hoher See kann er mittels Wiimote-Neigung die Segel dem Wind anpassen. Toll! Mit der Wertung tu ich mich wahnsinnig schwer. Sicherlich kann man auch darüber streiten. Sid Meier’s Pirates! kann sich in ein neues Zockerherz kämpfen, mit einer kompletten Neuauflage hätte es jedoch sicher einige Herzen wieder regelrecht im Sturm erobern können. Einen Vorteil kann man noch nennen: Wenigstens kostet es nur rund nen Dreißiger.

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