Testbericht: Moto GP

Seit Jahren dominiert Valentino Rossi bis auf wenige Ausnahmen das Geschehen in der höchsten Klasse der Motorradrennen. Doch das könnte jetzt ein Ende haben, denn mit „Moto GP“ bringt Capcom die Rennserie nun ins heimische Wohnzimmer auf die Wii. Wir haben die Motoren voll aufgedreht und ordentlich Gummi liegen lassen um heraus zu finden, ob der Motorradfan hier auf seine Kosten kommt.

2008, war das nicht letztes Jahr?

Während alle Besitzer von Konkurrenzkonsolen bereits im Herbst des vergangenen Jahres auf ihrem Bikes Platz nehmen durften, mussten sich die Nintendo-Jünger bis ins Frühjahr 2009 gedulden, bis Milestone die Version für die Wii fertig gestellt hat. Deshalb hat man auch kurzerhand die Jahresangabe im Titel einfach gestrichen. Das Cover und der Inhalt bleiben aber unverändert, weshalb das Spiel deshalb streng genommen mit den Lizenzen des Vorjahres daher kommt. Trotzdem bleibt genau dies eine große Stärke des Titels, denn mit knapp zwanzig Originalstrecken, unzähligen Teams und allen Fahrern der 125cc, 250xx und MotoGP Serie hat Capcom ein fettes Paket geschnürt, welches das Herz eines jeden Motorradfans höher schlagen lässt. Egal ob im Training oder Einzelrennen, im WM-Modus oder als neue Karriere – die Auswahl an Teams ist gigantisch und wird mit jedem WM-Punkt, den man einfährt, noch ein klein wenig umfangreicher. Zu Beginn des Spiels erwartet den Spieler zwar ein etwas mager ausgefallenes und nur wenig hilfreiches Tutorial, doch außer um eine der vier Steuerungsvarianten etwas kennen zu lernen, ist dieses ohnehin nicht notwendig. Stürzen wir uns also gleich ins echte Geschehen und beginnen eine neue Karriere als Shootingstar in der Rennfahrerszene. Anfangs geben wir uns einen Namen, suchen uns einen Helm sowie ein Team aus und beginnen in der untersten Klasse der 125cc Maschinen. Schon sind wir bereit für die erste Trainingsrunde der Saison.

Zwischen Simulation und Arcade-Racer

Leider beschränkt sich der massive Umfang des Spiels lediglich auf Spielmodi und Lizenzen. Denn während man mit Modi wie Karriere, WM, Einzelrennen, Zeitrennen oder diversen Herausforderungen verwöhnt wird, präsentiert sich MotoGP in Sachen Fahrzeugmodifikation extrem schwach auf der Brust. Per Schieberegler lassen sich lediglich das Verhältnis zwischen Beschleunigung und Topspeed, die Kurvengeschwindigkeit und das Reifengemisch einstellen. Exaktere Modifikationen oder Upgrades der Maschinen sucht man vergeblich. Was Otto-Normal-Rennfahrer zwar eher entgegenkommt, wird dem Motorradfreak sauer aufstoßen. Bei der Fahrzeugphysik kann der Spieler obendrein noch zwischen Arcade, Advanced und Simulation wählen, was sich drastisch auf das Fahrverhalten auswirkt. Während man im Arcademodus noch locker mitten in der Kurve auf die Bremse drücken kann um das Tempo zu regulieren, führen solche Manöver in den schwierigeren Modi mindestens zu einem Ritt durchs Kiesbett oder gleich zum Sturz. So wollen Bremspunkte und Kurvenradien genau geplant werden um das Gefährt auf der Ideallinie zu halten. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass MotoGP dem ambitionierten Fahrer insgesamt zu wenig Freiräume lässt, und die Langzeitmotivation leidet darunter erheblich.

Beim Thema Langzeitmotivation landet man unweigerlich auch bei den Multiplayer- bzw. Onlinefunktionen eines Titels. Hier muss man sich leider auf einen Zwei-Spieler-Splitscreen beschränken, da kein Onlinemodus seinen Weg ins Spiel gefunden hat.
Auch in Sachen Regelkunde hat man sich für eine Simulation ungewöhnlich gravierende Schnitzer geleistet, denn Abkürzungen quer durchs Kiesbett beispielsweise werden nicht geahndet. Ist man also seinen Konkurrenten etwas hinterher, reicht es oft einfach die nächste Schikane zu schneiden und schon ist man wieder an der Spitze des Feldes.
Und wenn man von einer Rennsimulation spricht, darf man natürlich auch ein ordentliches Schadensmodell erwarten, bei dem das Vehikel Rempler und insbesondere schwere Kollisionen mit der Leitplanke früher oder später mit Dienstverweigerung bestraft. Nicht so in MotoGP. Denn unabhängig davon, mit welcher Geschwindigkeit ihr euren Bock in die Reifen manövriert, steht ihr nach ein paar Sekunden wieder wie aus dem Ei gepellt auf der Strecke und das Rennen geht einfach weiter … Realismus sieht anders aus, fürchte ich!

Grafik und Sound

Bei der Grafik setzt sich leider das fort, was wir bereits im Titel verwundert festgestellt haben: Auf der Höhe der Zeit ist das Spiel leider nicht. Der Entwickler Milestone greift hier leider auf die Technik der PS2-Version zurück und so werden unsere Augen von schwachen Texturen und massig Treppchen verwöhnt. Auch die Motorräder unserer Mitstreiter schweben eher über den Asphalt als dass sie wirklich fahren würden und das Streckendesign ist so abwechslungsreich wie der bunte Nachmittag im örtlichen Seniorenheim. Hier hätte das Spiel noch einiges an Feinschliff und Liebe zum Detail vertragen, seien es die starren Zuschauer oder die fehlenden Streckenposten mit ihren Fahnen. Lediglich die vorgerenderten Zwischensequenzen, die vor dem Rennen die jeweilige Strecke präsentieren, sind ganz ansehnlich gelungen.

Ähnlich verhält es sich in Sachen Sound und Musik. Moment, sagte ich gerade Musik? Diese glänzt vor allem durch Abwesenheit, denn außer in den angesprochenen Strecken-Intros und im Hauptmenü sucht man diese vergebens und so wird beispielsweise die Zeit zwischen den Rennen einer Karriere vor allem durch Stille geprägt. Da wo Musik vorhanden ist, setzt sich der Soundtrack aus Rockmusiktracks eher unbekannter Bands zusammen, der zwar nicht schlecht, aber auch alles andere als spektakulär daher kommt.
Die Motorengeräusche der 125cc-Maschinen erinnern stark an das aufgebohrte Puch-Mofa des Nachbarjungen. In den höheren Klassen hätte der Sound ebenfalls noch mehr Power vertragen. Schade ist auch, dass außer den Motorengeräuschen auf der Soundebene ansonsten rein gar nichts passiert, denn die Zuschauer auf den Rängen fallen nicht nur durch ihre Bewegungsstarre auf, sondern bleiben dabei auch gleich völlig stumm. Eine echte Rennatmosphäre will bei dieser Kulisse somit leider nicht aufkommen. Rein technisch ist MotoGP leider kein Genuss für Augen und Ohren und man darf sich die berechtigte Frage stellen, warum die Portierung auf die Wii so lange gedauert hat.

Steuerung

Bei der Steuerung gibt Capcom dem Spieler gleich vier verschiedene Vorschläge an die Hand, von denen leider nur eine einzige Variante passabel zu funktionieren scheint. Als erstes wäre die unvermeidliche NES-Methode, bei der man per quer gehaltener Wii-Remote und mit Hilfe der Bewegungssensorik lenkt. Leider reagiert diese Steuerung viel zu ungenau für eine Rennsimulation und bietet kaum Chancen auf eine vordere Platzierung. Eine Alternative ist die Steuerung per Analogstick des Nunchuks, wobei es auch hierfür gleich drei verschiedene Varianten gibt. So hat man die Wahl zwischen Beschleunigen per C-Knopf und Bremsen mit Z, was zu krampfartigen Zuständen in der linken Hand führt, oder man benutzt den Analogstick für die Beschleunigung, was leider auch nicht zu einem befriedigenden Ergebnis führt.

Die am besten funktionierende Methode für uns war jedoch die Beschleunigung per Drehung der Wiimote und Bremsen auf dem B-Knopf. Zwar ist es auch hier schwer bis gar nicht möglich das Gasgeben vernünftig zu dosieren, doch kann man so zumindest am angenehmsten spielen, ohne nach jedem Rennen erst mal die Finger wieder zu entkrampfen. Warum Capcom dem Spieler keine Möglichkeit bietet die Knöpfe selber zu belegen, ist mir hingegen ein Rätsel, denn mir fallen spontan eine Hand voll besserer Knopfbelegungen ein als die angebotenen Voreinstellungen – schade.
Hat man sich allerdings an eine der Varianten gewöhnt, funktioniert das – die NES-Methode ausgenommen – doch ganz passabel und man manövriert sein Vehikel zielgenau über die Strecke. Da weder Wiimote noch Nunchuk über analoge Knöpfe verfügen, hat man jedoch einen klaren Nachteil im Vergleich mit den anderen Konsolen, die ein dosiertes Gasgeben besser umsetzen können.

Fazit

MotoGP sieht auf den ersten Blick vielversprechend aus. Das Paket an lizenzierten Fahrern und Teams so wie die Originalstrecken und vielen Spielmodi klingt nach einem guten Deal. Leider hält dieser Eindruck einer genaueren Betrachtung nicht stand. Zu schwach ist die Technik, zu eingeschränkt sind die Tuningmöglichkeiten der Bikes und wir vermissen einen Onlinemodus schmerzlich. Trotzdem bleibt das Spiel ein solider Titel und ist, nicht zuletzt auf Grund der fehlenden Konkurrenz, insbesondere für Motorrad-Fans trotzdem einen Blick wert.

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