Testbericht: Jenga: World Tour

Mama hat immer gesagt: Spiel lieber mit Holzspielzeug anstatt mit dem Computer. Wer den Eltern ein Schnippchen schlagen möchte findet mit den Umsetzungen verschiedener Gesellschaftsspiele eine Gelegenheit dazu. Auch Atari bringt mit „Jenga: World Tour“ ein beliebtes Geschicklichkeitsspiel auf den heimischen Fernsehschirm. Ob der Titel mit zusätzlichen Features dem analogen Vorbild den Rang ablaufen kann, oder ob man lieber zu den klassischen Bauklötzen greifen sollte haben wir für euch getestet.

Türmchen bauen …

Wer das Spielprinzip zu Jenga noch nicht kennt ist relativ schnell in das Spiel eingeweiht, denn es ist denkbar einfach. Zunächst werden haufenweise rechteckige Holzklötzchen in Dreierpärchen immer gegengleich aufeinander gestapelt bis ein amtlicher Turm entstanden ist. Nun muss jeder Spieler der Reihe nach einen Stein aus dem immer instabiler werdenden Bauwerk heraus werkeln und oben wieder auf das Gebilde drauf setzen. Das ganze geschieht so lange bis der Turm sich, der Schwerkraft folgend, über den gesamten Tisch verteilt.
Klingt eintönig, macht aber wirklich viel Spaß. Aber welchen Grund gibt es das gute Holzspielzeug gegen eine digitale Version ein zu tauschen? Verschiedene Materialien mit unterschiedlichen physischen Eigenschaften sind der einzige Vorteil der mir spontan in den Sinn kommt und leider ist auch den Entwicklern nicht wirklich viel mehr eingefallen. So gibt es neben den gewöhnlichen Holzklötzchen beispielsweise auch Spielsteine aus Eis die natürlich leichter aus dem Turm gleiten als ihre trockenen Ebenbilder, oder es ranken sich Dschungelpflanzen um den Jengaturm und verhindern so, dass manche Steine entfernt werden können.

Zusätzlich zu den Steinen selbst unterscheiden sich auch die Umgebungen der verschiedenen Level im Welt Tour-Modus und versuchen mit Herausforderungen wie mittelalterlichen Kanonen oder fliegenden Dinosauriern Einfluss auf das Spielgeschehen zu nehmen. Leider sind diese Einlagen nicht wirklich Spaß fördernd sondern eher fad und bis Weile extrem nervtötend. So muss zum Beispiel im Dinolevel durch Schütteln der Wiimote ein Flugsaurier von der Hand des Spielers verscheucht werden auf der er sich immer wieder nieder lässt – großartig.
Ja und das war es eigentlich auch schon mit den Features des Titels, denn die Modi „Freies Jenga“ und „Schnelles Spiel“ erklären sich von selbst. Nämlich einfach alleine oder mit bis zu vier Spielern Jenga spielen. Beim schnellen Spiel kann man dabei aus den Leveln des Storymodes wählen um die unglaublichen Herausforderungen noch einmal mit Freunden zu durchleben.

Halt Moment, eine Überraschung hielt das Spiel noch bereit. Denn habt ihr die ersten Jenga Szenarien überstanden findet ihr euch auf einmal in einem Shooter wieder in dem es gilt, Ufos mit dem Pointer ins Visier zu nehmen und zur Strecke zu bringen. Ihr fragt euch nach dem Zusammenhang zu Jenga? Wir ebenfalls …

Reality beats fiction by far

Anders lässt sich die Steuerung des Spiels kaum beschreiben, denn das was Atari hier abliefert ist mit das unpräziseste und hakeligste, was man auf Nintendos kleiner weißer Kiste bisher erleben durfte – und das unglücklicher Weise bei einem Geschicklichkeitsspiel.
Gesteuert wird die Zitterpartie mit Wiimote und Nunchuk, wobei man sich mit dem Analogstick um den Turm bewegen kann um nach einem geeigneten Stein für den nächsten Zug zu suchen. Mit Z kann man zusätzlich noch näher heran zoomen und mit dem C Knopf können Steine fixiert werden. Zentraler Punkt der Steuerung ist aber erwartungsgemäß die Pointerfunktion der Wiimote, mit deren Hilfe ihr den Stein eurer Wahl im Turm heraus sucht. Durch Drücken von B klopft ihr leicht gegen den Stein um zu sehen wie fest er sitzt und habt ihr euch für ein Opfer entschieden, wählt ihr es mit dem A Knopf aus. So weit so gut, aber jetzt wird es abenteuerlich, denn es erscheint ein Pfeil am Stein der euch anzeigt in welche Richtung ihr den Stein gerade zieht. Ziel der Übung ist natürlich den Stein so parallel wie möglich aus dem Stapel zu bekommen um den Turm möglichst wenig zu beschädigen, was leider fast unmöglich ist. Der Pointer reagiert nicht nur sehr ungenau auf das, was ihr vor dem Bildschirm versucht, manchmal verweigert er seinen Dienst auch komplett. Dann heißt es neu ansetzen und durch teilweise abenteuerliche Verrenkungen den Klotz doch noch aus seiner angestammten Position fummeln. Beim Ablegen oben auf dem Turm gestaltet sich das ganze dann leider mindestens genau so ungenau nervtötend.
Die Idee mit dem Pfeil ist prinzipiell okay und könnte eine echte Verbesserung zum konventionellen Jengaspiel sein, leider ist aber die Umsetzung derartig verhunzt sodass sehr schnell Frust aufkommt.

Sieht es wenigstens gut aus?

Um ehrlich zu sein, nein. Zwar ist die Grafik kein völliger Reinfall, aber mehr als wenig belebte Hintergründe und schwammige Texturen bekommt man auch hier nicht geboten. Und als dann die Steine auch noch wie von Zauberhand durch Hintergrundobjekte fielen war klar, dass auch die grafische Präsentation den Karren nicht aus dem Dreck ziehe würde, zumal es beim Einstürzen des Bauwerks noch zu einigen Rucklern kommt.
Hinzu gesellt sich leider eine schwache Physik-Engine, denn der Jengaturm bewegt sich nur sehr bedingt realitätsnah. Er erinnert uns eher an einen Gummibaum im Wind als an einen schwankenden Holzturm und manchmal scheint es fast so, als fange er auf einmal an zu wanken obwohl man ihn weder berührt hat noch sonst eine Kraft auf ihn einwirkte … mysteriös.
Die Musik bewegt sich dabei auf brauchbarem Niveau, nichts spektakuläres, aber auch nicht all zu nervig. Ganz im Gegensatz zu den deutschen Sprechern die das Spielgeschehen kommentieren und sich dabei aus einem Pool an gefühlten fünf Sätzen bedienen. Glücklicherweise lassen sich sowohl Musik als auch Sprecher im Menü ausschalten.

Fazit

Mama hatte mal wieder Recht, denn das Holzspielzeug schlägt die digitale Variante um Längen. Schuld daran haben vor allem die völlig verkorkste Steuerung und die schwache Physik des Spiels. Man gewöhnt sich zwar nach einiger Zeit daran und schafft es auch problemlos den Computer zu besiegen, und doch fragt man sich ständig warum man sich das antut. Wer eine wirkliche Herausforderung sucht findet sie zwar auf Grund der grauenvollen Steuerung, aber alle die einfach gerne Jenga spielen wollen sollten ihr Geld lieber in die kleinen Holzklötzchen investieren um den Spaß nicht zu verlieren.

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