Testbericht: Alice im Wunderland

Spiele, die auf Filmen basieren, haben einen schlechten Ruf, darüber müssen wir gar nicht groß reden. Meistens wurde einfach etwas in der Softwaremülltonne gekramt um rechtzeitig zu einem Kinostart mit einem beliebten Franchise noch ein paar Euro mehr zu machen. Wenn es dann auch noch ein Spiel zu einem Film wie „Tim Burton’s Alice im Wunderland“ ist, das seit Ankündigung so gehypt wird, dass man selbst als Burton-Fan fast keine Lust mehr darauf hat, dann hat es einen umso schwereren Stand. Wohin uns der Trip durch den Kaninchenbau wirklich führt und ob es die Reise wert ist, erfahrt ihr hier.

Alice? Nicht Alice.

Über zehn Jahre sind vergangen, seit Alice das letzte Mal im Wunderland/Unterland war. Daran kann sie sich jedoch nicht mehr erinnern. Mittlerweile ist sie 19 Jahre alt und auf der Flucht vor einer Hochzeitsgesellschaft, die sie unbedingt verheiraten möchte. Während sie versucht zu entkommen, wird sie unbemerkt von einer kleinen, weißen Pfote in ein Erdloch gezogen, von dem wir alle bereits wissen, wohin es führt. So startet Alice zweites großes Abenteuer im Unterland. Oder eher das ihrer Begleiter, denn nach dem kurzen Film ist man nicht in der Rolle von Alice, sondern in denen des weißen Kaninchens und der Haselmaus. Im Laufe des Spieles schalten sich insgesamt fünf Charaktere frei, zwischen denen ihr per Knopfdruck hin und her schalen könnt und müsst, denn sie alle haben verschiedene Fähigkeiten, die es zu nutzen gilt: Das weiße Kaninchen kann die Zeit anhalten, der Hutmacher neue Wege freischalten, der Märzhase beherrscht Telekinese, die Grinsekatze lässt Unsichtbares auftauchen und die Haselmaus ist eine Kämpfernatur. Neben diesen Besonderheiten haben alle Figuren noch eigene Kampftechniken, die man mit der Zeit erlernen kann.

Lass uns einen Busch verdreschen

Wenn man ein neues Spiel hat, dann probiert man alles einmal aus. Und wenn man Waffen hat, die keine Munition besitzen, die man verschwenden könnte, dann ist es völlig natürlich einfach mal wild in der Gegend herum zu dreschen. Zumindest anfangs. Dachte ich. Offenbar dachten sich die Spielentwickler „wieso nur am Anfang?“, denn wer gern Sachen kurz und klein schlägt, hat bei Alice seine Freude. Hier zerhaut man einfach alles: Möbel, Büsche, Tiere, Schilder, Bäume, Zäune, …
Doch das Ganze hat sogar einen Sinn. Durch diese nur auf den ersten Blick wahllose Zerstörungswut befreit man „Ungewöhnliche Ideen“, die es zu sammeln gilt. Diese dienen nicht nur der Wiederbelebung, wenn die Kartenkrieger einen einmal ins Jenseits befördert haben, sondern man kann sich mit ihnen auch neue Fähigkeiten kaufen. Zumindest falls man die entsprechende Schachfigur gefunden hat, die sich an allerhand Orten befinden und die man z.B. durch Einreißen von Wänden oder besiegen von Gegnern bekommen kann.
Die neuen Fähigkeiten helfen einem nicht nur beim Lösen von Rätseln, sondern auch gegen die Kartenkrieger der roten Königin, die die Macht im Wunderland an sich gerissen hat. So kann man diese zurück in ihre Portale schleudern, ihre Köpfe zerquetschen oder sie durch die Gegend wirbeln.
Die Story des Spieles unterscheidet sich von der des Filmes, da das Spiel nur durch den Film „inspiriert“ wurde. So fehlen bestimmte Szenen, was nicht verwunderlich ist, da diese aus Alice Perspektive gezeigt werden und das Mädchen hier nur eine Nebenfigur à la Ashley in Resident Evil 4 (nur nicht ganz so nutzlos) ist, die man durch das Spiel führt. Ab und an muss man sie retten, doch immerhin wehrt sie sich, dankt es einem immer wieder mit Tipps und dem „Alice Faden“, der auf den richtigen Weg hindeutet.

Was zu Anfangs eine kleine Enttäuschung war, stellt sich jedoch als sehr intelligenter Schachzug der Entwickler heraus. Durch das Switchen zwischen den Charakteren bleibt es spannend und abwechslungsreich, da sie alle Fähigkeiten haben, die Alice nicht besitzen könnte. Außerdem hat man so einen großen Unterschied zum beliebten American McGee’s Alice, das es zwar nicht für die Wii gibt, jedoch den Meisten unweigerlich in den Sinn kommt, wenn sie an die Kombination von Alice und Videospielen denken.
Die Reise durch das Wunderland kann man auch zu zweit antreten, wobei logischerweise jeder nur die Figuren auswählen kann, die die andere Person gerade nicht nutzt. Leider ist es nicht möglich getrennt auf die Reise zu gehen und verschiedene Winkel eines Ortes zu suchen, denn wenn Spieler zwei sich zu weit von Spieler eins entfernt, wird er zu diesem zurückgebeamt. Gerade in Kämpfen ist das etwas nervig, kann jedoch auch praktisch sein da Kartenkrieger immer in Rudeln auftauchen um einen das Leben schwer zu machen und zu zweit lässt es sich fast noch schöner prügeln.

Fuchteln, Drücken, Schwingen, Hacken, Fluchen

Wie schon etwas weiter oben beschrieben, besteht ein großer Teil des Spieles daraus die Umgebung kurz und klein zu schnetzeln. Auch wenn das einen Sinn hat, ist es auf Dauer doch etwas eintönig, außer vielleicht für die ganz Zerstörerischen unter uns, denn es gibt wirklich wenig, was nicht kaputt gemacht werden kann. Richtig kreativ wurden die Entwickler, als es um die Kampfszenen ging. Mit jeder freigeschalteten Fähigkeit, gilt es sich eine weitere Kombination von Tasten und Bewegungen zu merken, um sie auch nutzen zu können. Hier wird fast das gesamte Bewegungsarsenal der Remote und des Nunchuks ausgenutzt: Kein Knopf bleibt ungedrückt, keine Richtung unbeschwungen. Platz sollte man auf jeden Fall haben. Gerade, weil manchmal einfach nichts passiert, egal wie energisch man die Remote schüttelt um einen Kartenkrieger den Garaus zu machen, was nur in noch energischerem Schütteln resultiert… Das kann stellenweise sehr frustrierend sein, ist aber zum Glück nicht in jedem Kampf der Fall.

Bunt, bunt, bunt ist das Wunderland

Optisch ist Alice im Wunderland ein burtonesques, buntes Spektakel, bei dem gerade Fans des Regisseurs und des Skurrilen auf ihre Kosten kommen. Die Hintergründe sind farbenfroh, fantasievoll und abwechslungsreich. Jeder Bereich des Unterlands sieht anders aus und es gibt Unmengen an liebevoll gestalteten Details zu entdecken. Eher enttäuschend ist Darstellung der Figuren, besonders aller Menschen oder menschenähnlichen Kreaturen. Besonders Alice fällt durch Farbunregelmäßigkeiten auf, bewegt sich ungeschickt oder zeigt andere Fehler.

Die Musik ist ebenso stimmungsvoll, wie die Grafik und untermalt die Atmosphäre optimal. Sie passt sich den entsprechenden Situationen an und wechselt so zwischen dezent und bedrohlich. Die Gespräche sind komplett auf Deutsch vertont und ohne nervige Untertitel. Die Charaktere geben ab und an Kommentare ab, die hilfreich sein können, wenn man mal nicht weiter kommt.

Fazit

Wow. Es ist geschehen. Ein Spiel, das auf einem Film basiert (der auf zwei Büchern basiert) und welches es wert ist, nicht sofort wieder verdrängt zu werden. Mehr sogar: Es macht wirklich Spaß! Zwischen Rätseln, Kämpfen, Charakterswitchen und Büsche-Verdreschen gibt allerhand Abwechslung. Sogar ein Wiederspielwert ist gegeben, da es gut passieren kann beim ersten Durchlauf nicht alle freizuschaltenden Gegenstände/Fähigkeiten zu finden. Große Herausforderungen bietet Alice jedoch leider nicht. Die Kämpfe sind meistens von recht kurzer Dauer, die Bosse eher enttäuschend und gering, die Rätsel einfach und die Möglichkeit den Schwierigkeitsgrad nach oben anzupassen wurde ausgelassen. Sonderlich umfangreich ist das Spiel mit rund sechs Stunden nicht, trotzdem ist Alice, gerade für ein Filmspiel, ein wirklich solider Titel, der durchaus überrascht. Wunder geschehen also doch noch, nicht nur im Wunderland, sondern auch in der Spielewelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.